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Wenn der Ausfall keine Option ist: Business Continuity Management im Spital

08/2026 – Fachartikel Swiss Infosec AG

Sonderfall Spital

Ein Stromausfall im Rechenzentrum. Ein verschlüsseltes Klinikinformationssystem nach einem Ransomware-Angriff. Eine Epidemie, die das Personal dezimiert. Ein Wasserschaden, der den OP-Trakt lahmlegt. In den meisten Branchen bedeuten solche Ereignisse Umsatzeinbussen, verärgerte Kunden und Mehrarbeit. Im Spital bedeuten sie etwas anderes: Die unmittelbare Gefährdung von Menschenleben.

Genau diese Konsequenz unterscheidet Business Continuity Management (BCM) im Gesundheitswesen von BCM in nahezu jeder anderen Organisation. Erforderlich ist die Aufrechterhaltung der Versorgung der Patienten, vor allem der besonders verletzlichen, etwa in der Notfallaufnahme, in den Operationssälen oder auf der Intensivstation. Wiederherstellung ist keine Option, ein Unterbruch ist nicht verhandelbar.

Die kritischen Prozesse: Was wirklich nicht ausfallen darf

Der methodische Kern jedes BCM ist die Business Impact Analyse (BIA). Sie beantwortet die Frage, welche Prozesse zu welchem Zeitpunkt mit welcher Dringlichkeit und in welchem Umfang wiederhergestellt werden müssen. Für ein Spital ergibt dabei eine typische Priorisierung:

  • Lebenserhaltende Versorgung steht an oberster Stelle: Notaufnahme, Intensivmedizin, OP, Geburtshilfe, Dialyse. Hier zählt jede Minute, und die Wiederanlaufzeiten müssen entsprechend kurz sein – wenn nicht sogar Unterbruchsfreiheit erforderlich ist.
  • Es folgen unterstützende, aber unmittelbar versorgungsrelevante Prozesse: Labor und Bildgebung als Grundlage diagnostischer Entscheidungen, Apotheke und Medikationsversorgung, medizinische Gase, Sterilgut.
  • Erst danach kommen aufschiebbare Prozesse wie planbare Eingriffe, Verwaltung, Abrechnung und Routinediagnostik. Diese können kontrolliert verschoben oder reduziert werden, um Ressourcen auf die kritischen Prozesse zu konzentrieren.

Genau diese Differenzierung ist der Wert des BCM: Sie erlaubt im Ernstfall eine bewusste, vorab durchdachte Priorisierung und Reaktionsplanung statt improvisierter Entscheidungen unter Druck.

Besondere Herausforderungen

Drei Merkmale machen das Spital zu einem besonders anspruchsvollen BCM-Umfeld.

  • Zeitkritikalität ohne Pufferspielraum: In einer Bank kann ein Zahlungslauf um Stunden verschoben werden. Auf der Intensivstation, im Schockraum oder im OP existiert dieser Puffer nicht. Die maximal tolerierbare Ausfallzeit für bestimmte Prozesse liegt oft im Minuten-, wenn nicht sogar im Sekundenbereich.
  • Hohe Abhängigkeiten: Ein Spital ist ein eng gekoppeltes System aus klinischen Kernprozessen, medizintechnischen Geräten, IT-Systemen, Ver- und Entsorgung (Strom, Wasser, medizinische Gase, Sterilgut, Wäsche, Speisen), Mitarbeitenden der verschiedenen Bereiche sowie externen Dienstleistern. Der Ausfall eines einzelnen Elements, zum Beispiel der Sterilgutversorgung, kann den OP-Betrieb innerhalb weniger Stunden zum Erliegen bringen.
  • Zunehmende Digitalisierung: Das papierlose Spital erhöht Effizienz und Behandlungsqualität, aber es vergrössert auch die Abhängigkeit von funktionierender IT. Klinikinformationssystem, Bildarchivierung, Labordatensysteme und Medikationssoftware sind heute geschäftskritisch. Fallen sie aus, fehlen Befunde, Medikationspläne und Patienteninformationen. Die Häufung von Ransomware-Angriffen auf Spitäler in den letzten Jahren zeigt, dass dies kein theoretisches Szenario ist.

Von der Analyse zur Handlungsfähigkeit

BCM endet nicht mit einem Plan in der Schublade. Die entscheidenden Elemente sind:

  • Business Continuity Pläne definieren konkrete Ausweichlösungen, wie beispielsweise dokumentierte Verfahren für den Betrieb ohne Klinikinformationssystem (Papierdokumentation, vordefinierte Notfallformulare), Ausweichstandorte oder Verlegungsvereinbarungen mit Partnerspitälern und -diensten.
  • Klare Verantwortlichkeiten und Alarmierung stellen sicher, dass im Ereignisfall ohne Verzögerung gehandelt wird. Ein Krisenstab mit definierten Rollen, Erreichbarkeiten und Entscheidungsbefugnissen ist unverzichtbar.
  • Üben, üben, üben: Ein Plan, der nie getestet wurde, ist eine Hypothese. Tabletop-Übungen, Krisenstabsübungen und realitätsnahe Simulationen decken Lücken auf, die auf dem Papier unsichtbar bleiben. Und sie schaffen Handlungsroutine bei den beteiligten Mitarbeitenden.

BCM ist nicht IT-Disaster-Recovery und nicht Notfallmanagement

BCM wird häufig mit IT-Disaster-Recovery (Wiederherstellung von IT-Infrastruktur, -Systemen und -Daten nach einem disruptiven Ereignis) oder dem klinischen Notfallmanagement (Massenanfall von Verletzten, Reanimation) verwechselt. Beides ist eng mit BCM verbunden, aber nicht BCM selbst.

Business Continuity Management ist der ganzheitliche Managementprozess, der kritische Geschäftsprozesse, resp. Spitalprozesse identifiziert, deren Ausfallrisiken bewertet und Vorkehrungen trifft, damit diese Prozesse bei einer Störung innerhalb tolerierbarer Zeit auf einem definierten Mindestniveau weiterlaufen.

Für ein Spital führt das nicht nur zur Frage: «Wie bekommen wir das System wieder zum Laufen?», sondern vor allem: «Wie versorgen wir Patienten weiter, während das System nicht läuft?» Das bedingt zwingend einen integralen Ansatz: Personal, Infrastruktur, Material, Logistik, Kommunikation und Zulieferer sind ebenso zu berücksichtigen wie die IT.

Der regulatorische und strategische Rahmen

BCM ist im Spital keine Kür mehr. In der Schweiz ist insbesondere die Entwicklung rund um den Schutz kritischer Infrastrukturen und die Meldepflichten bei Cybervorfällen relevant. Spitäler unterliegen explizit der 24-Stunden-Meldepflicht für Cyberangriffe an das BACS. Genau hier liegt die strategische Bedeutung des BCM: Wer innert 24 Stunden meldefähig sein und parallel den Versorgungsbetrieb aufrechterhalten will, braucht vorab definierte Prozesse, Verantwortlichkeiten und Business Continuity Pläne. Die regulatorische Pflicht setzt die Reaktionsfähigkeit voraus, die ein funktionierendes BCM erst herstellt.

Die regulatorische Lage entwickelt sich dynamisch und sollte verfolgt und laufend umgesetzt werden.

Unabhängig von konkreten Rechtspflichten gilt: Ein funktionierendes BCM ist Ausdruck von Sorgfaltspflicht und Governance. Es schützt nicht nur Patienten, sondern auch die Organisation vor Haftungsrisiken, Reputationsschäden und dem Verlust des öffentlichen Vertrauens.

Fazit

Business Continuity Management übersetzt im Spital eine simple Wahrheit in einen Managementprozess: Die Versorgung darf nicht ausfallen, weil ihr Ausfall unmittelbar Leben kostet. BCM ersetzt Improvisation durch Vorbereitung, Zufall durch Priorisierung und Hoffnung durch geübte Handlungsfähigkeit. Es ist somit kein technisches Nebenprojekt der IT-Abteilung, sondern eine Kernaufgabe der Spitalführung und ein Gradmesser dafür, wie ernst eine Institution ihren eigenen Versorgungsauftrag nimmt.

Kontaktieren Sie uns und erfahren Sie in einem unverbindlichen Beratungsgespräch, wie unsere Spezialistinnen und Spezialisten Sie bei der praxisnahen Umsetzung eines wirksamen Business Continuity Management (BCM) unterstützen können: +41 41 984 12 12, infosec@infosec.ch

Swiss Infosec AG; 03.08.2026
Kompetenzzentrum Consulting


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