Unterschiedliche Kriminalitätsformen im digitalen Zeitalter
11/2026
1. Einleitung
Kriminalität existiert nicht in einem Vakuum. Wie alles andere in unserer Welt entwickelt sich auch die Kriminalität weiter. Das Aufkommen neuer Technologien hat es Kriminellen ermöglicht, ihre Aktivitäten in der realen Welt effizienter durchzuführen, und hat die Entwicklung innovativer, onlinebasierter Varianten klassischer Straftaten begünstigt. Der Drogenhandel findet seine Entsprechung im Drogenverkauf im Darknet, die Prostitution in der Online-Sexarbeit und der Diebstahl im Hacking. Während es früher die organisierte Kriminalität gab, haben wir heute eine durch Technologie verstärkte organisierte Kriminalität sowie eine neue Kategorie von Straftaten: die Cyberkriminalität.
Jahrelang tobte die Debatte darüber, ob Cyberdelikte als völlig eigenständige Form der Kriminalität zu betrachten seien oder lediglich eine digitalisierte Version älterer Formen darstellten. Ohne eine klare Lösung für diese Pattsituation schien es zu einer allgemeinen Mässigung zu kommen, wobei Wissenschaftler zu der offenbar ausgewogenen Schlussfolgerung gelangten, dass die Wahrheit irgendwo dazwischen liege. Wir akzeptieren nun einerseits, dass es Verbrechen gibt, die ohne Computer nicht begangen werden können, während wir andererseits betonen, dass die Motivationen der Täter und die Dynamik der Gelegenheiten im digitalen und im physischen Bereich im Grossen und Ganzen gleich bleiben. Dieser Kompromiss befriedigt nicht nur Cyberkriminologen, die danach streben, Cyberkriminalität als Konzept Anerkennung zu verschaffen, sondern auch jene unter uns, die innerhalb der vage definierten Schulen der dispositionellen und situativen Kriminologie arbeiten. Was dieses scheinbare Gleichgewicht jedoch ausser Acht lässt, sind die erheblichen Veränderungen in anderen theoretischen Komponenten, die eintreten, wenn sich die Kriminalität vom physischen in den digitalen Bereich verlagert. In manchen Fällen sind diese Veränderungen so dramatisch, dass die Zusammenhänge zwischen den digitalen und physischen Ausprägungen eines bestimmten Delikts zu bröckeln beginnen – das physische Delikt ist in seinem digitalen Äquivalent nicht mehr klar erkennbar.
Insbesondere das Konzept der organisierten Kriminalität ist gefährdet. Schon lange steht es auf unsicherem theoretischem Boden. Seit fast Beginn des 21. Jahrhunderts streiten sich Wissenschaftler darüber, was als organisierte Kriminalität gilt und was nicht. Ist organisierte Kriminalität einfach nur Kriminalität, die organisiert ist? Lässt sich organisierte Kriminalität besser als organisierte und schwerwiegende Kriminalität verstehen? Gibt es andere, tiefgreifendere und komplexere Dynamiken, die kriminelle Aktivitäten als organisiert kennzeichnen? Obwohl die Fachliteratur mittlerweile ein allgemein anerkanntes Verständnis von organisierter Kriminalität zu vermitteln scheint, haben Regierungen, politische Entscheidungsträger, Staaten und die Medien darauf bestanden, den Begriff in seiner weitesten Auslegung beizubehalten: als jede Art von Kriminalität, die organisiert ist. Nach dieser Logik wurde die Cyberkriminalität – sowohl implizit als auch explizit, von gesetzlichen Richtlinien bis hin zur Berichterstattung in den Zeitungen – unter den Begriff der organisierten Kriminalität subsumiert.
In diesem Kapitel wird die These vertreten, dass organisierte Kriminalität und Cyberkriminalität nicht miteinander verwechselt werden sollten und dass eine fortgesetzte Verwechslung bedauerliche Folgen für die Strafverfolgung, die Wissenschaft und die Justiz haben könnte. Die Argumentation ist wie folgt aufgebaut: Zunächst wird ein aus der Fachliteratur abgeleitetes Verständnis von Cyberkriminalität vorgestellt; anschliessend folgt ein aus der Fachliteratur abgeleitetes Verständnis von organisierter Kriminalität; drittens werden beide empirisch verglichen; viertens erfolgt auf dieser Grundlage eine Analyse; fünftens werden auf der Grundlage dieser Analyse Schlussfolgerungen gezogen. Das Kapitel zielt darauf ab, den Einfluss der Digitalisierung auf die Entstehung der Cyberkriminalität anzuerkennen, diese im Zusammenhang mit der Entwicklung der organisierten Kriminalität zu hinterfragen und schliesslich die theoretische und praktische Bedeutung einer Trennung dieser beiden Formen der Kriminalität hervorzuheben.
2. Cyberkriminalität
Als die Cyberkriminellen-Organisation «Scattered Spider» in eine virtuelle Infrastruktur eindrang, tat sie dies nach einem klar definierten Ablauf. Zunächst versandte die Gruppe eine Phishing-Nachricht an Mitarbeitende eines Zielunternehmens, in der sie vorgab, ein Lieferant dieses Unternehmens zu sein. So gab sie sich beispielsweise als VPN-Anbieter aus und warnte, dass das VPN deaktiviert worden sei und der Mitarbeitende, um Datenrisiken zu vermeiden, unverzüglich auf ihre Website zugreifen solle. «Scattered Spider» gestaltete die Website geschickt so, dass sie seriös wirkte, um einen Mitarbeiter dazu zu verleiten, seine vertraulichen Zugangsdaten preiszugeben. Sobald sie Zugriff auf diese Daten erlangt hatten, nutzten sie diese, um in die Computersysteme des Zielunternehmens einzudringen, vertrauliche Datensätze abzurufen oder die dort entdeckte Kryptowährung auf ihre eigenen privaten Konten zu überweisen. Auf diese Weise ermöglichte der zweistufige Fehler eines Mitarbeiters eines grossen Streaming-Dienstes – zunächst durch die betrügerische E-Mail getäuscht und dann unvorsichtigerweise seine Daten auf der nicht registrierten Website eingegeben – diesen Kriminellen den Zugriff auf Abonnementdaten, die sie anschliessend kopieren und im Darknet verkaufen konnten. Laut den US-Akten zu ihrer Festnahme und Strafverfolgung verdiente die Gruppe auf diese Weise Millionen von Dollar.
Das Aufkommen der Cyberkriminalität hat eine hitzige Debatte über deren Wesen ausgelöst. Viele argumentierten, dass sich Cyberkriminalität ausschliesslich auf Straftaten beziehe, die über das Internet begangen werden können; andere argumentierten, dass sich Cyberkriminalität vielmehr auf Straftaten beziehe, die durch das Internet erleichtert werden. Obwohl sich Wissenschaftler offenbar darauf geeinigt haben, dass beide Aussagen die Cyberkriminalität beschreiben, sind beide Argumente in Wirklichkeit äusserst problematisch. Wenn man sich ausschliesslich auf die ausschliessliche Nutzung von Computern konzentriert, schliesst man fast alle online begangenen Straftaten aus; konzentriert man sich hingegen ausschliesslich auf die Erleichterung, erweitert man den Umfang der Online-Kriminalität so weit, dass fast alle in der heutigen Zeit begangenen Straftaten darunter fallen. Hacker agieren nach wie vor im physischen Raum, und viele arbeiten sogar persönlich zusammen; die Nutzung von Telegram zur Organisation eines Drogengeschäfts macht dieses noch lange nicht zu Cyberkriminalität. Am beunruhigendsten ist, dass beide Ansätze die Bemühungen untergraben, ein besseres Verständnis dafür zu erlangen, was Cyberkriminalität eigentlich ist, da sie implizieren, dass sich Verbrechen in der physischen Welt nur dann wesentlich von ihrem digitalen Pendant unterscheiden, wenn sie einen neuen Namen haben. Hacking ist Hacking, kein Diebstahl; ein Drogengeschäft bleibt ein Drogengeschäft. Doch das ist viel zu anmassend. Eine kriminelle Handlung (Drogenhandel) und die dahinter stehende Motivation (Geld) mögen im Offline- wie im Online-Bereich gleich sein, doch das bedeutet nicht, dass sich die Täterprofile, die Vorgehensweisen und die Geschäftsstrukturen nicht ausreichend unterscheiden, um eine Unterscheidung zu rechtfertigen.
Wir alle kennen das Klischee: ein einsamer Hacker, jung, in einem dunklen Kapuzenshirt, der eifrig die persönlichen Daten von Personen aus einem beliebigen Ort auf der Welt stiehlt. Dieses Bild wird der Öffentlichkeit durch Unterhaltungssendungen im Fernsehen, in den sozialen Medien und in den Nachrichten immer wieder vermittelt. Doch es ist weitgehend unzutreffend. Anstatt sich einfach nur mit Hacking zu beschäftigen, ist gewinnorientierte Cyberkriminalität in Wahrheit eine weitreichende Kategorie von Straftaten mit unzähligen Varianten – von Online-Betrugsmaschen bis hin zum Handel mit kinderpornografischem Material –, von denen Hacking lediglich eine ist. Auch erfordert Cyberkriminalität nicht zwangsläufig grosses technisches Fachwissen: Es hängt stark von der jeweiligen Form der begangenen Cyberkriminalität und der spezifischen Rolle des beteiligten Akteurs ab. Der Erfolg von «Scattered Spider» beruhte ebenso sehr auf Social Engineering – der Fähigkeit, Mitarbeiter der Opferfirmen selbstbewusst für sich zu gewinnen und sie von ihrer Legitimität zu überzeugen – wie auf technischer Versiertheit. Trotz des seit langem bekannten Zusammenhangs zwischen Jugend und kriminellen Aktivitäten sowie zwischen Jugend und der Nutzung von Internet-Technologien sind junge Menschen keineswegs gleichbedeutend mit Cyberkriminalität. Zwar waren die Mitglieder der «Scattered Spider»-Gruppe tatsächlich alle jung, doch deuten aktuelle Daten aus verschiedenen Studien auf eine enorme Altersspanne unter Cyberkriminellen hin. Nicht nur das Alter: Alle Profilindikatoren, vom Geschlecht über die ethnische Zugehörigkeit bis hin zum sozioökonomischen Hintergrund, weisen eine Vielfalt auf, die bei anderen Formen der Schwerkriminalität selten zu beobachten ist. Anonymität, die Distanz zu Komplizen und Opfern, das Fehlen von Gewalt sowie durchlässige Zugangsbarrieren begünstigen die Möglichkeit, dass hypothetisch fast jeder in Cyberkriminalität verwickelt werden könnte. Umgekehrt sind die Opfer solcher Delikte in der Regel recht spezifisch. Natürlich hängt das Opfer einer bestimmten Cyberkriminalität ganz von der jeweiligen Straftat ab; doch wenn es um gewinnorientierte Cyberkriminalität geht – im Gegensatz zu anderen Formen der Kriminalität –, sind die Opfer in der Regel Institutionen. Entweder werden private Unternehmen wegen ihres finanziellen Reichtums und ihres Zugangs zu Personendaten ins Visier genommen, oder der Staat wird indirekt angegriffen, indem Cyberkriminelle Gesetze und Vorschriften, die sowohl Online- als auch Offline-Praktiken regeln, missachten.
Cyberkriminelle Aktivitäten können recht komplex sein. Obwohl die Vorgehensweisen je nach Form der Cyberkriminalität variieren, haben Studien gezeigt, dass gewinnorientierte Cyberkriminalität oft eine erhebliche Zusammenarbeit und Fachkenntnis der Beteiligten erfordert. «Scattered Spider» arbeitete als Einheit, um Phishing-Strategien zu entwickeln, überzeugende betrügerische Benutzeroberflächen zu erstellen und ihre illegalen Erlöse zu waschen. Dies erforderte eine Vielzahl unterschiedlicher Fähigkeiten, sowohl in Bezug auf Problemlösung (Manipulationstechniken) als auch auf technologisches Fachwissen (Entwicklung betrügerischer Websites) und Einfallsreichtum (Ausnutzung des Zugangs zum Unternehmen). Natürlich könnte auch die reale Ausprägung desselben Verbrechens – der Raubüberfall auf einen grossen multinationalen Konzern durch eine Gruppe von Einbrechern – komplex sein, wobei die Raffinesse davon abhängen würde, um welche Gruppe es sich handelt. Dennoch würde sich diese zeitlich und räumlich deutlich unterscheiden: Die Kriminellen müssten sich tatsächlich vor Ort im Unternehmen aufhalten, was wahrscheinlich gewaltsame Methoden zum Einbruch, zur Umgehung, Einschüchterung oder Bedrohung der anwesenden Angestellten erfordern würde, und im Mittelpunkt stünde die physische Flucht mit grossen Mengen an Bargeld aus dem Unternehmen. Bei Phishing-Betrug zieht sich der Zeitrahmen in die Länge: Es kann lange dauern, bis ein getäuschter Angestellter an den Haken geht, und sobald dessen Zugangsdaten gesichert sind, kann es noch lange dauern, bis sie genutzt werden. Wenn diese Zugangsdaten ausgenutzt werden, dienen sie möglicherweise zunächst nur dazu, die Räumlichkeiten des Unternehmens zu erkunden, bevor tatsächlich etwas Wertvolles entwendet wird. Auch der räumliche Aspekt ist anders. Scattered Spider beging Verbrechen gegen Unternehmen auf der ganzen Welt – und das alles bequem von zu Hause aus. Unsere hypothetischen Einbrecher müssten vor Ort sein, um das Verbrechen zu begehen, was ein gewisses Mass an mentaler Stärke und körperlicher Präsenz voraussetzt. Die Distanz ermöglicht eine psychologische Distanzierung – was eine Vielzahl von Auswirkungen hat, von Neutralisierungstechniken bis hin zu einer Verringerung der physischen Anforderungen, die ein Diebstahl mit sich bringt. Somit liegt der Spannungsherd nicht unbedingt zwischen dem Simplen (der realen Welt) und dem Komplexen (dem digitalen Bereich), sondern vielmehr zwischen unterschiedlichen Arten von Komplexität; wobei der Schwerpunkt darauf liegt, dass Cyberkriminalität auf eine radikal andere Art komplex ist.
Cyberkriminelle Gruppen weisen in der Regel die Struktur eines Unternehmens auf. So wie «Scattered Spider» wie ein kleines Unternehmen agierte und gemeinsam auf ein finanzielles Ziel hinarbeitete, so arbeiten auch die meisten cyberkriminellen Gruppen aus Gewinnstreben zusammen. Theoretisch bedeutet dies, dass sich cyberkriminelle Aktivitäten im Gegensatz zu unorganisierten Einzelakteuren oder hochorganisierten komplexen Netzwerken wahrscheinlich irgendwo dazwischen einordnen lassen. Dies ist nicht unbedingt allgemeingültig – es gibt nach wie vor freiberufliche Akteure, und es mag Fälle geben, in denen grössere Organisationen am Werk sind –, doch die Beweislage zeigt, dass Cyberkriminelle – von Ransomware-Angriffen bis hin zu Straftaten im Zusammenhang mit Handel im Darknet – offenbar in kleinen, eng verbundenen Gruppen entweder im Online- oder im Offline-Bereich operieren. Die Menschen – bis vor kurzem sogar Wissenschaftler – neigten dazu, diese Offline-Dimension zu vernachlässigen. Dabei ist sie für das Verständnis der Cyberkriminalität von entscheidender Bedeutung. Grund dafür ist ein gewisser Widerspruch in unseren Erwartungen: Obwohl Cyberkriminalität hypothetisch gesehen radikal international ist, zeigen Studien, dass sie tendenziell recht lokal begrenzt auftritt, wobei bestimmte Länder für bestimmte Ausprägungen der Cyberkriminalität anfällig sind. Hacker mit Sitz in Russland sind das prototypische Beispiel. Während der Sowjetzeit waren amerikanische Technologien verboten, und selbst wenn man an sie herankam, waren sie oft unbrauchbar. Dies führte zu einer einzigartigen Entwicklung der Hacker-Kultur, bei der der Weg zum Einsatz von Technologien oft über Entschlüsselung und Manipulation führte – wobei Abweichungen gewissermassen ein fester Bestandteil ihrer kybernetischen Landschaft waren. In diesem Zusammenhang ist die russische Wirtschaft nach wie vor stark auf die Energieversorgung ausgerichtet; im Vergleich zum Westen sind Ausbildung, Beschäftigung und Einkommen im Technologiesektor begrenzt. In Verbindung mit Auswirkungen auf die demokratische Integrität – Cyberkriminelle, die sich ausschliesslich auf westliche Unternehmen konzentrieren, sind für den Staat möglicherweise kaum von strafrechtlichem Interesse – und Korruption – Cyberkriminelle, die von Interesse sind, können sich möglicherweise Immunität erkaufen – ergibt sich ein für Hacking relativ idealer Kontext. Darüber hinaus haben aktuelle Studien gezeigt, dass Cyberkriminalität sogar vollständig lokal begrenzt sein kann, wobei Kriminelle über einen längeren Zeitraum hinweg persönlich zusammenarbeiten. Wir können uns daher vorstellen, dass cyberkriminelle Firmen tatsächlich ähnlich wie Online-Unternehmen operieren. Es gibt eine hierarchische Struktur, ein unternehmerisch denkender Chef entwickelt das Geschäftsmodell, und die Angestellten übernehmen darin bestimmte Rollen; wobei die Firma selbst aus einem spezifischen Kontext hervorgeht und kriminelle Handlungen sowohl im Online- als auch im Offline-Bereich sowie an deren Schnittstelle begangen werden.
3. Organisierte Kriminalität
Um die Kontrolle über ihre Kokainhandelsroute durch Ecuador zu sichern, nutzten Los Choneros ein riesiges Netzwerk aus direkten Angestellten und indirekten freiberuflichen Kontakten. In Zusammenarbeit mit einer Reihe anderer Kartelle bildeten sie einen entscheidenden Teil der Kette, die letztlich mit der Kokainproduktion tief in den südamerikanischen Wäldern begann und in kleinen Säckchen mit weissem Pulver in den Taschen der Konsumenten auf den Strassen nordamerikanischer Städte endete. Um diese Rolle zu erfüllen, wurden Menschen ermordet, Unternehmen ausgebeutet und Politiker in grossem Umfang bestochen; die Folgen waren ein erheblicher Zuwachs an Mitgliederzahl, Bekanntheit und Reichtum. Trotz der Verhaftung und Strafverfolgung ihrer Führung sind «Los Choneros» weiterhin aktiv, wenn auch in einem Machtvakuum und in einem etwas geschwächten Zustand.
Unser Verständnis der organisierten Kriminalität hat sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt. Von anfänglichen Assoziationen mit bestimmten ethnischen Gruppen in der Vergangenheit bis hin zum heutigen Fokus auf die Vorgehensweisen in der Gegenwart hat sich unser Verständnis des Phänomens durch die engagierte Arbeit einer kleinen Gruppe von Wissenschaftlern schrittweise vertieft. Wir erkennen die organisierte Kriminalität heute als eine Funktion der Regierungsführung an: Was eine organisierte kriminelle Gruppe wirklich ausmacht, ist der Versuch, einen bestimmten Markt, eine bestimmte Dienstleistung oder ein bestimmtes Territorium zu verwalten und zu regulieren. Die Mafia kontrolliert das Angebot an Schutz; Kartelle kontrollieren eine bestimmte Schmuggelroute. In diesem Sinne sollte die organisierte Kriminalität als impliziter Ausdruck eines Monopolisierungswillens verstanden werden. Eine Reihe renommierter Wissenschaftler hat sich intensiv mit dieser Idee auseinandergesetzt, die theoretischen Grenzen der Regierungsführung ausgelotet und stillschweigend für eine enge Definition der organisierten Kriminalität plädiert, die sich um dieses Konzept dreht. Leider unterscheidet sich dieser enge und differenziertere Ansatz deutlich von der politischen Praxis, in der organisierte Kriminalität häufig als Synonym für «Kriminalität, die organisiert ist» verstanden wird. Das Problem bei diesem Ansatz ist, dass er im Wesentlichen alle Formen kooperativer, gewinnorientierter Kriminalität umfasst, einschliesslich der Cyberkriminalität – was die Gefahr einer dramatischen Vermischung birgt.
Die Profile der organisierten Kriminalität sind von der Digitalisierung weitgehend unberührt geblieben. Die Beziehung zwischen der organisierten Kriminalität und denjenigen, die sie ausüben, bleibt jedoch komplex. Nehmen wir zum Beispiel die ethnische Zugehörigkeit. Obwohl die Forschung längst darüber hinausgegangen ist, die ethnische Zugehörigkeit als zentralen Motivationsfaktor für die Beteiligung an der organisierten Kriminalität zu betrachten, hat sich das Konzept dennoch als offensichtliche Dynamik gehalten, die der Bildung krimineller Gruppen zugrunde liegt – wobei die Mehrheit der Gruppen ethnisch homogen ist. Dies bedeutet nicht zwangsläufig die Auferlegung festgeschriebener, ausgrenzender Regeln, sondern bezieht sich vielmehr darauf, wie sich alle Gruppen – kriminelle wie nicht-kriminelle – auf der Grundlage von Ähnlichkeiten und gemeinsamen Interessen entwickeln und wachsen. Dadurch ist die ethnische Zugehörigkeit innerhalb der Gruppen zudem sehr unterschiedlich: So kann das Kinahan-Drogenkartell aus dem irischen Kontext hervorgehen, während die ‘Ndrangheta aus dem italienischen Kontext stammt. Mitglieder organisierter krimineller Gruppen sind in der Regel männlich; sie weisen jedoch eine grössere Variabilität in der Altersverteilung auf als bei der allgemeinen Kriminalität, mit älteren Anführern und manchmal auch älteren neuen Rekruten. Es ist offensichtlich, dass beispielsweise Los Choneros grösstenteils aus ecuadorianischen Männern unterschiedlichen Alters besteht, wobei sich der Aufwand und die Organisation auf die verschiedenen Aufgaben verteilen, die ein Organisation im Drogenhandel dieser Grössenordnung erfordert. In diesem Zusammenhang ist heute wie in der Vergangenheit das formelle Bildungsniveau unter den Mitgliedern organisierter krimineller Gruppen tendenziell niedrig, ebenso wie die Erfahrung in legalen Beschäftigungsverhältnissen. Der allgemeine Zusammenhang zwischen eingeschränkten legalen wirtschaftlichen Möglichkeiten und der Beteiligung an der organisierten Kriminalität scheint somit gut belegt zu sein. Nach unserem Kenntnisstand hat die Digitalisierung zu keinen wesentlichen Veränderungen dieser Profildynamik geführt.
Die organisierte Kriminalität ist durch Technologie zweifellos effizienter geworden. Zwar gibt es nach wie vor kaum konkrete Beweise dafür, dass die organisierte Kriminalität im eigentlichen Sinne – Drogenkartelle und mafiöse Organisationen – an Cyberkriminalität beteiligt ist, doch ist insbesondere im Zuge grosser internationaler Strafverfolgungsaktionen – wie den «Sky»- und «EncroChat»-Razzien – deutlich geworden, dass Mitglieder traditioneller organisierter krimineller Gruppen Computertechnologien nutzen, um zu kommunizieren, ihre illegalen Erlöse zu waschen und ihre Operationen zu steuern. «Los Choneros» hätten, wie jedes grosse Unternehmen, mit grosser Wahrscheinlichkeit das Internet als Hilfsmittel für ihre Aktivitäten genutzt. Dennoch sollten wir den Einfluss moderner Technologie auf die organisierte Kriminalität nicht überbewerten; denn auch im digitalen Zeitalter bleiben die Anforderungen an die Rollen in der organisierten Kriminalität im Grunde unverändert. Die Fähigkeit zu Gewalt, Einschüchterung und andere kriminelle Fachkenntnisse spielen nach wie vor eine direkte, entscheidende Rolle. Finanzielles Geschick, insbesondere im Zusammenhang mit Geldwäscherei, ist ebenfalls von Vorteil. Kompetenz scheint jedoch der entscheidende Faktor zu sein. Für Freiberufler oder Netzwerkmitglieder mögen die Rollen konkret abgegrenzt sein – wie beispielsweise bei Anwälten oder Hafenarbeitern –, doch bei den direkt Beteiligten lassen sich ihre Rollen am besten anhand ihres Ranges verstehen – ob Soldaten oder Generäle –, wobei die Aufgaben je nach Zeit und Ort variieren können. Die Beteiligung an organisierten kriminellen Gruppen zeichnet sich somit dadurch aus, dass sie der Logik von Karrieren folgt, wobei die Mitglieder auf eine lange Geschichte gewinnorientierter Kriminalität zurückblicken. Diese Langlebigkeit fördert die Gruppenkultur. In Verbindung mit den verschiedenen Ritualen, die oft mit der Mitgliedschaft in diesen Organisationen einhergehen, kann sich ein starkes Gefühl der Loyalität entwickeln, wobei viele Mitglieder organisierter krimineller Gruppen ihre Identitätsmerkmale aus ihrer Zugehörigkeit zur jeweiligen Gruppe beziehen.
Die Struktur der organisierten Kriminalität variiert. Die Grösse kann stark davon abhängen, wo man die Grenzen der Zugehörigkeit zieht. Im Fall von «Los Choneros» beispielsweise könnte die Mitgliederzahl leicht in die Tausende gehen, wenn man das gesamte kriminelle Netzwerk als eine einzige Gruppe betrachten würde; würde man jedoch nur die oberste Führungsspitze als echte Mitglieder betrachten, hätten wir es mit einer viel kleineren Organisation zu tun. Vielleicht hat sich die Forschung zur organisierten Kriminalität gerade aus diesem Grund von der früheren Auffassung, dass organisierte Kriminalität ausschliesslich eine Domäne grosser Gruppen sei, hin zu der Vorstellung verschoben, dass organisierte Kriminalität im Gegenteil eher zu Organisationen unterschiedlicher Grösse tendiert. Auch die Art und Weise, wie diese Organisationen aufgebaut sind, ist unterschiedlich: Einige scheinen klar hierarchische Strukturen aufzuweisen, während andere durch familiäre Bindungen kompliziert sind und wieder andere ausgesprochen ad hoc und informell zusammenarbeiten. Die Struktur hängt letztlich stark vom kriminellen Kontext ab – davon, wie sich die Landschaft der kriminellen Möglichkeiten im Laufe der Zeit verändert und entwickelt – sowie von den übergeordneten Bedürfnissen, Fähigkeiten und Dynamiken der jeweiligen Gruppe – ethnische, kulturelle, wirtschaftliche und soziale Einflüsse. Zunehmender Druck seitens der Polizei zwingt in jedem kriminellen Umfeld zu grösserer Geheimhaltung und geringerem Risikoverhalten, was die Expansion des jeweiligen Unternehmens hemmt. Die Yakuza sind in der Regel grösser, hierarchischer und in ihrer Struktur komplexer als andere mafiaähnliche Organisationen, was auf ihren halb-legalen Status zurückzuführen ist, der es ihnen ermöglicht hat, im Laufe der Zeit zu florieren. Somit beeinflussen die Kontroll- und Durchsetzungspraktiken in der realen Welt direkt die Struktur organisierter krimineller Gruppen.
4. Vergleich
Auf den ersten Blick lassen sich zahlreiche Ähnlichkeiten zwischen Cyberkriminalität und organisierter Kriminalität feststellen. Bei beiden handelt es sich um kriminelle Unternehmungen, und beide beziehen bis zu einem gewissen Grad neue Technologien mit ein. Sie sind kooperativ ausgerichtet und können hohe Gewinne mit sich bringen. Es gibt zwar zahlreiche unterschiedliche Organisationsmodelle, doch innerhalb der Organisationen lassen sich hierarchische Führungsstrukturen beobachten, zwischen den Individuen Marktdynamiken und im weiteren Umfeld der Zusammenarbeit Netzwerkeffekte. Cyberkriminalität kann somit als organisierte Kriminalität angesehen werden; die organisierte Kriminalität, wenn schon nicht Cyberkriminalität, so wird sie doch zumindest rasch digitalisiert und dringt langsam in den digitalen Raum vor. Bei genauerer Betrachtung wird jedoch schnell klar, dass dieser Vergleich durch wesentliche Unterschiede in der Definition, den Profilen, der Vorgehensweise und der Struktur von Gruppen der organisierten Kriminalität und der Cyberkriminalität erschwert wird.
Ganz einfach: Cyberkriminalität findet online statt, organisierte Kriminalität meist in der realen Welt. Obwohl von Staaten und Institutionen veröffentlichte Dokumente voller Hinweise auf die Beteiligung der organisierten Kriminalität an Ransomware-Angriffen, der Bereitstellung sexueller Online-Dienste und der Teilnahme an Darknet-Märkten sind, gibt es keine fundierte wissenschaftliche Untermauerung für solche Behauptungen. Natürlich stützen diese Institutionen ihre Behauptungen nicht auf Fantasie, sondern leiten solche Schlussfolgerungen direkt aus ihrer eigenen Datenanalyse und dem Austausch mit den Strafverfolgungsbehörden ab. Deshalb sind die Fragen nach der Definition von Cyberkriminalität und organisierter Kriminalität so wichtig. Wenn nationale und internationale Polizeiorganisationen Gruppen, die an Cyberkriminalität beteiligt sind, als organisierte kriminelle Gruppen betrachten, dann werden solche Behauptungen über deren Beteiligung an Cyberkriminalität sofort gut untermauert und durch Beweise belegt; geht man jedoch von der definitorischen Sichtweise aus, dass organisierte Kriminalität im eigentlichen Sinne nur durch die Linse der Governance verstanden werden kann, dann werden solche Behauptungen plötzlich unzutreffend, ja sogar bizarr. Es gibt keine bekannten Beweise dafür, dass mafiöse Organisationen oder organisierte kriminelle Gruppen aus dem Bereich des Menschenhandels an Cyberkriminalität beteiligt sind; es gäbe auch keinen Grund anzunehmen, dass dies der Fall wäre.
Wie wir gesehen haben, erfordert Cyberkriminalität ein anderes Profil als die organisierte Kriminalität. Mit erheblichen Unterschieden hinsichtlich Alter, Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit und soziodemografischer Merkmale arbeiten Cyberkriminelle zusammen, um im Online-Bereich Straftaten zu begehen. Dies steht im Gegensatz zur Homogenität organisierter krimineller Gruppen, die sich in der Regel aus benachteiligten Männern mit einheitlichem ethnischem Hintergrund zusammensetzen und zusammenarbeiten, um Straftaten in der physischen Welt zu begehen. Das bedeutet nicht, dass es keine Parallelen in bestimmten Dynamiken gibt. Sowohl Akteure der Cyberkriminalität als auch der organisierten Kriminalität benötigen Vertrauen durch Reputation, um erfolgreich zu sein. Dies manifestiert sich jedoch in sehr unterschiedlichen Weisen in den jeweiligen kriminellen Bereichen. Cyberkriminelle agieren anonym und müssen daher die Reputation ihrer Online-Identitäten aufbauen, anstatt ihre eigene – beispielsweise durch Bewertungen, Forendiskussionen und Nachweise ihrer kriminellen Aktivitäten. In der organisierten Kriminalität geht es oft um eine Art Aufstieg nach Unternehmensvorbild, der auf der nachgewiesenen Fähigkeit zur Erledigung von Aufgaben und dem Engagement für die Organisation basiert. Letzteres, das persönlich stattfindet, ist mit weitaus höheren Risiken verbunden, da Fehler, geteilte Loyalitäten oder eine Verhaftung lebensbedrohlich sein können. Es ist zudem emotionaler geprägt – familiäre Bindungen, kulturelle Verbindungen, Status und Gruppenpolitik spielen beim Aufstieg zur Macht eine Rolle. Vielleicht aus diesem Grund gehören zu den Profilen von Cyberkriminellen auch Ehepaare, hochqualifizierte Personen und ältere Menschen – wobei die Beurteilung des Rufs der jeweiligen Unternehmen ausschliesslich auf der Qualität ihrer kriminellen Leistung beruht und nicht auf einer offensichtlichen demografischen Verwandtschaft. Auch die Profile der Opfer unterscheiden sich. Die Opfer von Cyberkriminalität sind in der Regel Unternehmen oder der Staat; es kommt zu keiner Gewalt, oft sind ein hohes Bildungsniveau oder Fachwissen erforderlich, und die Gewinne sind zwar beträchtlich, aber nicht unbedingt dramatisch. Im organisierten Verbrechen hingegen reichen die Opfer von Unternehmen über den Staat bis hin zu Einzelpersonen – wobei Gewalt, Ausbeutung und Korruption direkte Auswirkungen des organisierten Verbrechens in einem bestimmten Gebiet sind. Wir spüren die Präsenz des organisierten Verbrechens; sein Einfluss wirkt zersetzend auf diejenigen, die ihm nahe stehen. Cyberkriminalität ist im krassen Gegensatz dazu weitgehend unsichtbar. Ecuador wurde von «Los Choneros» heimgesucht; nur wenige Menschen wissen wahrscheinlich von der Existenz von «Scattered Spider» oder interessieren sich dafür.
Aus den unterschiedlichen Vorgehensweisen ergeben sich unterschiedliche Profile. Zwar weisen beide Formen eine gewisse Komplexität auf, doch handelt es sich um unterschiedliche Arten von Komplexität. Um Drogen im Darknet zu verkaufen, müssen die Anbieter Ressourcen beschaffen (Computer, Drogen, Versandmaterialien usw.), Software einrichten (Verschlüsselungssoftware, Kryptowährung usw.), den Verkauf abwickeln (Werbung, Markenbildung usw.), Produkte versenden (Verpacken, Abgeben, usw.), Erlöse waschen (Tumbling und Umwandlung von Kryptowährung) und ihren Betrieb verwalten (Zusammenarbeit mit Mitarbeitern; Gewährleistung eines hohen Masses an operativer Sicherheit in verschiedenen Bereichen). Der Zeit- und Ressourcenaufwand, um ein Darknet-Drogenverkäufer zu werden, ist beträchtlich und erfordert in der Regel ein breites Spektrum an operativen Rollen und Fachkenntnissen – das Unternehmen, das die Drogen verkauft, ist ein One-Stop-Shop und stellt die Drogen oft sogar selbst her. Für die organisierte Kriminalität ist der Drogenhandel jedoch keineswegs ein geschlossener Kreislauf; er umfasst mehrere Organisationen unterschiedlicher Grösse und mit unterschiedlichen Rollen, die an der Produktion, Herstellung, Verarbeitung, dem Versand und dem Grosshandel mit Betäubungsmitteln beteiligt sind. Anstatt jede Rolle in der Kette selbst zu übernehmen, erfüllen Organisationen oft lediglich eine Hauptrolle (z. B. den Versand), wobei Mitglieder dieser Organisation relevante Aufgaben (z. B. die Bestechung von Zollbeamten) übernehmen, um dieses Ziel zu erreichen. In diesem Sinne mögen organisierte kriminelle Gruppen hinsichtlich ihrer Gesamtfunktion weniger variabel sein, doch können sie dennoch ein breites Spektrum schwankender Aufgaben abdecken, da sie politischen Erwägungen, dem Druck der Strafverfolgungsbehörden, internen Streitigkeiten, Diebstahl, Verrat und Gewalt ausgesetzt sind – Faktoren, die aufgrund von Anonymität und Distanzeffekten für Drogenverkäufer im Darknet selten von gleicher Relevanz sind. Selbst abgesehen vom Umfang (die Millionen, die manche Drogenhandelsbetriebe im Darknet erwirtschaften, sind nicht mit den enormen Gewinnen internationaler Drogenkartelle vergleichbar) unterscheiden sich die digitale und die physische Welt grundlegend voneinander, was auf die Besonderheiten dieser Bereiche zurückzuführen ist.
Cyberkriminelle verwalten keine Handelsroute, kontrollieren keinen Markt und beherrschen kein Territorium. In Anlehnung an die Logik von Reuter ähneln Cyberkriminelle vielmehr Einzelunternehmern oder den Leitern kleiner krimineller Unternehmen. Nehmen wir zum Beispiel die Prostitution. Obwohl das Ausmass, die Art und die Ausprägung des Einflusses der organisierten Kriminalität auf den Markt für sexuelle Dienstleistungen seit langem umstritten sind, vertreten einige Wissenschaftler die Ansicht, dass die organisierte Kriminalität zumindest für den Menschenhandel mit jungen Frauen zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung verantwortlich ist. In diesem Fall würde die betreffende organisierte kriminelle Gruppe ihre Herrschaft durch die Verwaltung der Route ausüben, über die die Frauen verschleppt werden. Es liessen sich auch Argumente für die Beteiligung organisierter krimineller Gruppen an der Steuerung des Marktes für persönliche Sexdienstleistungen anführen, und zwar durch die Vermittlung bei Streitigkeiten zwischen Bordellen und die Organisation von Schutzgelderpressungen. Und tatsächlich kommt es zu Streitigkeiten, und Schutz ist erforderlich: Es ist allgemein anerkannt, dass die persönliche Sexarbeit in ihrer gegenwärtigen Form die Frauen, die sie ausüben, potenziellen Gefahren aussetzt. Vergleichen wir dies nun mit der Online-Sexarbeit. Zwar werden nach wie vor sexuelle Dienstleistungen ausgetauscht und Geld in Form von Sachleistungen gezahlt, doch birgt die digitale Sexarbeit keine offensichtliche oder zwangsläufige Gefährdung. Bislang gibt es keine Belege, die auf einen kausalen Zusammenhang zwischen Menschenhandel und digitaler Sexarbeit oder zwischen organisierter Kriminalität und digitaler Sexarbeit hindeuten. Das ist nicht überraschend. Anders als bei der Sexarbeit vor Ort, wo die organisierte Kriminalität eine plausible Rolle bei der Bereitstellung von Sexarbeiterinnen, deren Ausbeutung und der Vermittlung der damit verbundenen Märkte spielt, ist schwer zu erkennen, welche Rolle organisierte kriminelle Gruppen in einem Umfeld spielen könnten, in dem die Beteiligten die betreffenden Aktivitäten offenbar aus eigenem Antrieb ausüben. Eine erheblich geringere Gefährdung bedeutet einen Mangel an Möglichkeiten zum Schutz und damit auch zur Kontrolle, und die betreffenden Märkte werden bereits von legalen Unternehmen vermittelt, wobei die Beteiligten nicht kriminell sind und ohne Weiteres ihre üblichen Bürgerrechte in Anspruch nehmen können. Es gibt einfach keinen Platz für das organisierte Verbrechen in derselben Weise; während sich die grössten Züge der physischen und der digitalen Welt decken, unterscheiden sich die Feinheiten so stark, dass sich die Ansätze in den Bereichen Strafverfolgung, Politik und Wissenschaft radikal ändern.
5. Analyse
Auf den ersten Blick mag es sinnvoll erscheinen, den Begriff der organisierten Kriminalität so zu erweitern, dass er auch die Cyberkriminalität umfasst. Organisierte Kriminalität bezeichnet schwere Kriminalität, organisierte Kriminalität und gewinnorientierte Kriminalität, und als solche passt die Cyberkriminalität nahtlos in diesen Rahmen. Doch hier gibt es zwei entscheidende Punkte. Der erste ist, dass organisierte Kriminalität keine breite, sondern eine eng gefasste Kategorie von Kriminalität ist. Sie lässt sich am besten durch Governance definieren, nicht durch Organisation. Und als solche gelten Betrug, Diebstahl und andere Formen der Kriminalität nicht als organisierte Kriminalität, nur weil sie von einer Gruppe von zwei oder mehr Personen zum finanziellen Vorteil geplant und ausgeführt werden. Der zweite Punkt ist, dass selbst wenn eine derart weit gefasste Kategorie auf die organisierte Kriminalität angewendet würde, es dennoch wichtig wäre, die Cyberkriminalität als eigenständige Form der Kriminalität zu unterscheiden, da der notwendige Einsatz von Technologien zur Begehung einer bestimmten Straftat das Was, Wie und Wer der begangenen Straftat radikal verändert. Einbrecher und Hacker benötigen unterschiedliche Fähigkeiten und gehen das Delikt des Diebstahls auf ganz eigene Weise an; das Verhältnis von Risiken und Vorteilen für Drogenhändler vor Ort und Drogenverkäufer im Darknet ist sehr unterschiedlich. Argumente, die darauf abzielen, die Notwendigkeit einer Definition oder die Flexibilität in unserem Verständnis dieser Konzepte herabzusetzen, verkennen möglicherweise die Probleme, die sich aus der unglücklichen Vermischung von organisierter Kriminalität und Cyberkriminalität ergeben.
Der Begriff «organisierte Kriminalität» hat grosses Gewicht. Er ist tief in der Geschichte verwurzelt. Durch die Berichterstattung in den Medien, politische Bewegungen, Musik, Filme, Fernsehsendungen, populäre historische Darstellungen und die akademische Kriminologie hat sich das Konzept der organisierten Kriminalität tief im öffentlichen Bewusstsein verankert. Normativ gesehen versteht jeder, wovon die Rede ist, wenn jemand «organisierte Kriminalität» sagt; jeder hat sofort Bilder von «Der Pate», Pablo Escobar und der Yakuza vor Augen. Wenn politische Entscheidungsträger den Begriff verwenden, stützen sie sich auf diese Kette von Assoziationen; indem sie Cyberkriminalität als organisierte Kriminalität bezeichnen, stellen sie sie als Fortsetzung dieser Geschichte dar, was sie jedoch nicht ist. Das ist die umgekehrte Logik der politischen Korrektheit. Wir erkennen an, dass ein bestimmter Begriff mit jahrzehntelangen negativen Konnotationen behaftet ist, doch anstatt zu versuchen, ihn als solchen durch einen neutralen Begriff zu ersetzen, weiten wir die Verwendung dieses Begriffs stattdessen noch weiter aus und wenden ihn auf etwas an, das eigentlich nicht unter seine ursprüngliche Bedeutung fällt.
Die Gründe, warum politische Entscheidungsträger diesen Ansatz verfolgen, liegen auf der Hand. Indem man Cyberkriminalität als organisierte Kriminalität bezeichnet, vermittelt man der Öffentlichkeit sofort, dass es sich um ein ernstes und bekämpfenswertes Problem handelt. Die Verhaftung des Entwicklers einer bestimmten Ransomware-Technologie klingt zwar nach einem Erfolg, hat aber bei weitem nicht die gleiche Tragweite wie die Verhaftung des Chefs eines internationalen, organisierten Cyberkriminalitätssyndikats. Ein weiterer Faktor ist das Mitgefühl für die Opfer. Cyberkriminelle nehmen in der Regel Unternehmen ins Visier oder – durch die Missachtung von Handels- und Steuergesetzen – den Staat. Abgesehen von bestimmten Cyberverbrechen, wie jenen im Zusammenhang mit Pädophilie, und Betrugsfällen auf individueller Ebene liegt der Schwerpunkt meist auf der Ausbeutung (oft ausländischer) Unternehmen. Natürlich kann auch die Öffentlichkeit betroffen sein: Im Rahmen dieser Angriffe auf Unternehmen können private Daten verletzt oder finanzielle Vermögenswerte gestohlen werden. Dies ruft jedoch nicht dieselbe Reaktion hervor wie die Gewalt und Ausbeutung durch organisierte Verbrecherbanden im realen Leben, bei denen unschuldige Menschen regelmässig als direkte oder indirekte Folge ihrer kriminellen Handlungen extremen körperlichen oder seelischen Schaden erleiden. Die Darstellung der Cyberkriminalität als organisierte Kriminalität erweitert dieses Mitgefühl, um den Fokus auf die Bekämpfung der Cyberkriminalität besser zu rechtfertigen.
Diese Vermischung bringt jedoch nur kurzfristige Vorteile. Auch wenn die Behandlung von Cyberkriminalität als organisierte Kriminalität diese politisch relevanter machen mag, besteht auf lange Sicht die Gefahr, dass unser Verständnis dieser beiden grossen Kriminalitätskategorien dadurch untergraben wird. Wir alle fallen unseren eigenen Spielchen zum Opfer. Indem einzelne Unternehmer ständig als Köpfe organisierter Verbrechersyndikate dargestellt werden, fangen die Personen hinter dieser Darstellung an, selbst daran zu glauben – es wird zu ihrer Realität. Dies könnte zu ineffektiven Ermittlungspraktiken führen, da Ermittler erwarten, dass Hinweise, die auf den menschlichen Faktor zurückzuführen sind, angesichts ihrer Darstellung von Cyberkriminellen als Kollektiv leichter zu Verhaftungen führen könnten, als dies tatsächlich der Fall ist. Ganz zu schweigen von der Frage der Gerechtigkeit. Indem wir Cyberkriminalität übermässig mit der organisierten Kriminalität in Verbindung bringen, setzen wir einzelne Cyberkriminelle einem grösseren Risiko der Strafverfolgung und härteren Strafen aus. Dies zeugt nicht von angemessenem Respekt vor den Rechten der Beschuldigten: Wenn Cyberkriminelle bestraft werden sollen, dann sollten ihre Strafen unter Bezugnahme auf die Cyberkriminalität und nicht auf die organisierte Kriminalität konzipiert, gestaltet und angewendet werden.
Die Lösung? Den umgekehrten Weg einschlagen. Wir als Wissenschaftler sollten danach streben, die organisierte Kriminalität weiter zu unterteilen, anstatt sie auszuweiten. Damit ist nicht eine Unterteilung nach Deliktstypen gemeint, wie sie üblicherweise befürwortet wird, sondern vielmehr eine Unterteilung nach bestimmten theoretischen Gesichtspunkten. Wie wir gesehen haben, sind Deliktsart und Motiv keine verlässlichen Mittel zur Definition von Kriminalitätskategorien. Stattdessen müssen wir einen tiefergehenden, komplexeren Ansatz verfolgen, der die verschiedenen Profile, Vorgehensweisen und strukturellen Dynamiken berücksichtigt, die sich um verschiedene Formen der Kriminalität ranken, und diese nutzen, um neue Theorien darüber zu formulieren, was organisierte Kriminalität ist und was nicht.
6. Schlussfolgerung
Der wesentliche Unterschied zwischen Cyberkriminalität und organisierter Kriminalität beruht auf einer einzigen, grundlegenden Tatsache: dass die Verlagerung krimineller Aktivitäten vom physischen in den digitalen Raum mehr verändert als nur die Art und Weise, wie die Straftaten im Online-Bereich begangen werden. Und auch wenn Cyberkriminalität organisiert sein mag und die organisierte Kriminalität mittlerweile Internet-Technologien nutzt, macht dies sie noch nicht zur organisierten Kriminalität bzw. zur Cyberkriminalität. Cyberkriminalität muss als eigenständige Form der Kriminalität als solche bezeichnet werden. Organisierte Kriminalität im digitalen Zeitalter ist, kurz gesagt, nach wie vor einfach nur organisierte Kriminalität.
Die Lösung der Debatte um die Definition der Cyberkriminalität reicht nicht aus. Die Übereinstimmung darüber, dass Cyberkriminalität weder «alte Verbrechen in neuen Gewändern» noch «neue Verbrechen in alten Gewändern» ist, sondern irgendwo dazwischen liegt, bedeutet ein abruptes Ende unserer ansonsten so wichtigen Bemühungen, dieses Konzept besser zu verstehen. Wir sollten uns von diesen «Schrödingerschen» Erklärungen zur Cyberkriminalität abwenden und uns bemühen, die komplexere Wahrheit anzunehmen, dass Cyberkriminalität grösstenteils Varianten bereits etablierter Delikte darstellt und dass es weitreichende Ähnlichkeiten mit diesen gibt, die feineren Details jedoch oft so radikal unterschiedlich sind, dass wir theoretisch, empirisch oder rechtlich nicht so auf diese Delikte reagieren können wie auf ihre Entsprechungen in der physischen Welt. Daher ist es unerlässlich, dass sie – abgesehen von den weitreichenden Ähnlichkeiten – als eigenständige Phänomene betrachtet werden.
Das Konzept der organisierten Kriminalität sollte nicht missbraucht werden. Wenn ein theoretisches Konstrukt über eine zu grosse Fläche gestreckt wird, wird es dünn, durchlässig und vermittelt nichts mehr. Zu behaupten, organisierte Kriminalität sei jede Art von Kriminalität, die organisiert ist, raubt uns die Möglichkeit, organisierte Kriminalität als eine Funktion der Regierungsführung zu verstehen. Es verwischt die Grenzen, die wir als Wissenschaftler zu ziehen versuchen, um Schmuggelkartelle und mafiöse Organisationen voneinander abzugrenzen. Der Begriff verliert seine Bedeutung. Effizienz in Kommunikation und Organisation; Geldwäscherei. Dies scheint die grosse empirische Grenze der Auswirkungen der digitalen Welt auf die Aktivitäten der organisierten Kriminalität zu sein. Auch wenn Staaten, Medien und internationale Gremien behaupten mögen, die organisierte Kriminalität sei an der Entwicklung von Malware und Ransomware-Angriffen beteiligt, ist es langfristig einfach nicht hilfreich, die Wahrheit gegen politische Relevanz einzutauschen.
Verbrechen ist, was es tut. Ein Drogenhändler im Darknet, der Kokain in Grossmengen von einer organisierten kriminellen Gruppe kauft, ist Teil ihres grösseren Netzwerks; ein Mafioso, der einen Denial-of-Service-Angriff durchführt, ist ein Cyberkrimineller. Bei der Einordnung einer bestimmten Straftatart müssen wir uns auf das Verhalten eines bestimmten Akteurs innerhalb einer bestimmten Organisationsstruktur konzentrieren und nicht lediglich auf dessen Motivation und den Gelegenheitskontext. Auf diese Weise bleiben wir der akademischen Kriminalitätsklassifizierung treu – und gewährleisten ein besseres Verständnis der hochrangigen, gewinnorientierten Kriminalität sowohl im Online- als auch im Offline-Bereich.
Zur einfacheren Lesbarkeit wurden die Literatur- und Quellverweise entfernt.
Übersetzung Boris Wanzeck, Swiss Infosec AG
Joyce, T. (2026). Cybercrime and Organised Crime: Distinct Criminal Forms in the Digital Era.
In Social Sciences. IntechOpen.
https://doi.org/10.5772/intechopen.1015474
https://creativecommons.org/licenses/by/4.0
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