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Manipulation und Desinformation im Metaverse: Welche Herausforderungen gibt es und wie ist ihnen zu begegnen?

06/2023

Die neuen virtuellen Kommunikationsräume sind die bislang immersivste Form der digitalen Welt. In dieser Umgebung findet eine noch stärkere Vermischung von Unterhaltung und Information statt. Daher können Desinformation sowie Manipulation realer und intensiver aufgenommen werden.

  • Zudem können neue technologische Entwicklungen (zum Beispiel Deepfake-Technologien oder virtuelle Influencer) die Wirkung von Desinformation verstärken.
  • Zwar haben die einzelnen Anbieter und Betreiber der virtuellen Räume die Autorität und Kontrollbefugnis, doch werden diese nur unzureichend ausgeübt. Um der Dezentralität gerecht zu werden, braucht es zusätzliche internationale Standards und Regeln, die von unabhängigen Stellen überwacht und durchgesetzt werden.
  • Medien, Journalistinnen und Journalisten, Behörden und Anbieter seriöser Informationen sind bislang noch nicht oder nur unzureichend in den virtuellen Kommunikationsräumen präsent. Sie sollten die Kommunikationsräume proaktiv besetzen („Prebunking“ und strategische Kommunikation) und Informationsangebote schaffen.


Statt „flacher“, zweidimensionaler Oberflächen haben einige Anbieter, wie Meta, Rockstar Games oder Decentraland Foundation, virtuelle Kommunikationsräume geschaffen, die bis auf den Geschmacks- und Geruchssinn alle Sinne ansprechen und den Nutzerinnen und Nutzern realitätsnahe, dreidimensionale Erfahrungen bieten. Die Räume werden als „Metaversum“ bezeichnet. Partizipation, Interaktion, an die Realität angenäherte Erfahrbarkeit und Sozialität sind grundlegende Eigenschaften dieser technologischen Entwicklung. Sehr stark zielen diese Räume auf Emotionen und Wahrnehmungen ab. So ermöglichen sie unter anderem eine stärkere Vermischung von Inhalten und Unterhaltung (Gamefication und Infotainment).
Doch bergen diese immersiven Räume Herausforderungen und Risiken für die Gesellschaft: Manipulierte oder falsche Informationen und Inhalte lassen sich nicht nur schnell und nahezu unkontrolliert verbreiten, sondern wirken viel realistischer auf konsumierende Personen als im zweidimensionalen Raum. Ein frühzeitiges Gegensteuern ist besonders wichtig, um Fehler, wie sie beim Umgang mit den Sozialen Medien gemacht wurden, zu vermeiden.

1. Zu wenig regulierte Kommunikationsräume

Für ein besseres Verständnis dieser Technologie gilt es grundsätzlich zu verstehen, dass es nicht das eine Metaverse gibt. Stattdessen gibt es unzählige immersive Räume und Nutzungsmöglichkeiten. „Altspace VR“, eine von Microsoft betriebene Plattform virtueller Räume, ist ein Beispiel: In einem Raum findet ein Livekonzert statt, in einem anderen gibt es Weiterbildungsangebote und in einem dritten werden Bibelkreise angeboten. Jede Nutzerin und jeder Nutzer kann – vergleichbar mit Facebook-Gruppen, Whatsapp-Gruppen oder Chat-Räumen – eine eigene „Welt“ kreieren oder eine bestehende kopieren. Diese sind zunächst nur für die Person selbst sichtbar und werden erst durch Einladung für andere zugänglich. So besteht die Möglichkeit, versteckte beziehungsweise geheime virtuelle Räume zu schaffen, die für private, kommerzielle, kriminelle oder politische Zwecke gebraucht beziehungsweise missbraucht werden können. Bis auf vereinzelte Community-Standards üben die Anbieter ihre Autorität und Kontrollbefugnis bisher nur unzureichend aus. Meta oder Microsoft lehnen beispielsweise die alleinige Verantwortung für Sicherheitsfragen rund um die immersiven Kommunikationsräume ab und verweisen bei der Regulierung auf ihre Standards und die einschlägige Gesetzgebung der Europäischen Union (Digital Services Act und den Strengthened Code of Practice on Disinformation von 2022). Der Digital Services Act trat erst am 16. November 2022 in Kraft und wird derzeit in Kommunikationsräumen noch nicht umgesetzt. Zudem erfasst der örtliche Anwendungsbereich der Verordnung lediglich das EU-Hoheitsgebiet. Bisher gibt es weder auf EU-Ebene noch auf Ebene der Nationalstaaten spezifische Regeln und Richtlinien, die auf die Besonderheiten der dreidimensionalen virtuellen Kommunikationsräume eingehen.
Nick Clegg, Leiter der Unternehmenskommunikation von Meta, verglich solche privat erstellten, nur auf persönliche Einladung betretbaren Räume mit privaten Abendessen in der physischen Realität. Dabei gehe es, so Clegg, hauptsächlich darum, Privatsphäre und Datenschutz zu garantieren; ein Selbstversuch von Buzzfeed-Journalistinnen und -Journalisten in den USA zeigte jedoch, dass diese Räume ohne jegliche Intervention von Meta für die Verbreitung von Desinformation und Verschwörungstheorien genutzt werden können. Buzzfeed erstellte einen privaten Raum und postete in diesem strafrechtlich relevante Inhalte. Selbst nachdem sie diese bei Meta meldeten, wurden die Inhalte als unbedenklich eingestuft.
Um den Herausforderungen in den immersiven Kommunikationsräumen begegnen zu können, muss die Frage, wer die Autorität und Kontrolle ausübt beziehungsweise durchführt („Governance-Frage“), geklärt werden. Wie bei den Plattformen sozialer Medien erfordert vor allem die Dezentralität der immersiven Kommunikationsräume neben einheitlicher internationaler Standards und Regulierung auch international abgestimmte und organisierte Kontrollen, Rechtsfolgenregelungen und zugleich deren Durchsetzung.
Interpol und Europol haben die Risiken der immersiven Räume auf die Gesellschaft erfasst und eine Aufklärungskampagne initiiert. Interpol richtete eine Repräsentanz in einem Metaversum ein, in dem Trainings, Weiterbildungen und ein gezielter Austausch zwischen Strafverfolgungsbehörden weltweit stattfinden soll. Noch einen Schritt weiter ging Europol und veröffentlichte im Oktober 2022 den Bericht Policing in the metaverse: what law enforcement needs to know, der nicht nur eine Gefahrenanalyse des Metaverse, sondern unter anderem einen expliziten Aufruf zur Einrichtung von Präsenzen europäischer Polizeibehörden enthält. Es sind demnach klare Regeln und von den Herstellern unabhängige Kontrollen erforderlich. So könnte für die Überwachung, Regulierung und Gestaltung globaler digitaler Informationsräume wie dem Metaverse eine internationale Organisation eingerichtet oder auf eine bestehende Organisation wie die Internationale Fernmeldeunion derartige Kompetenzen übertragen werden.

2. Desinformation in neuen virtuellen Kommunikationsräumen wirkt realistischer und intensiver

Informationen und Erfahrungen, die Nutzerinnen und Nutzer in den virtuellen Kommunikationsräumen aufnehmen beziehungsweise machen, werden nicht nur als realistisch, sondern als besonders intensiv wahrgenommen. Seit über 20 Jahren forschen Expertinnen und Experten im Bereich der kognitiven Psychologie an und mit virtuellen Realitäten (VR). Studien zeigen, dass VR im menschlichen Gehirn Emotionen und Eindrücke auslösen kann, die sich nicht von jenen der physischen Realität unterscheiden. So können zum Beispiel im Extremfall Traumata oder Angstzustände durch VR-Erlebnisse hervorgerufen werden. Versuche mit exzessiver VR-Nutzung zeigten außerdem, dass die Konsumentinnen und Konsumenten nach stundenlangem Aufenthalt in einer virtuellen Realität Probleme hatten, zwischen Erlebnissen, Erinnerungen und Wahrnehmung in virtuellen und physischen Realitäten zu unterscheiden. In einem Experiment an der Universität Stanford konnten Kleinkindern mithilfe von VR erfolgreich falsche Erinnerungen suggeriert werden. Im Vergleich zu heutiger digitaler Desinformation in sozialen Medien wirkt Desinformation in den neuen immersiven Kommunikationsräumen intensiver und kann somit gefährlicher werden.
Um das Gefahrenpotenzial zu minimieren, sollten Nutzerinnen und Nutzer über die technologischen Aspekte und die Wirkungen beziehungsweise die Wirkmöglichkeiten immersiver Kommunikationsräume sowie deren Risikoeffekte aufgeklärt und geschult werden. Frühzeitige Medienbildung ist besonders wichtig. Es empfiehlt sich, die Medienbildung über diese Kommunikationsräume auch in diesen Räumen stattfinden zu lassen, um die speziellen technischen Eigenschaften und Wirkungen aktiv erfahrbar zu machen. Erste Schritte in diese Richtung geht derzeit die XR Foundation, die unter anderem Kurse zu Medienbildung über das Metaversum unterstützt. Diese Initiativen sollten von unabhängigen Stellen, zum Beispiel zivilgesellschaftlichen Akteuren, Medienanstalten und wissenschaftlichen Institutionen, aufgegriffen und weiterentwickelt werden. Die proaktive Besetzung der Kommunikationsräume (strategische Kommunikation) ist ein geeignetes Instrument, um gegen die Verbreitung von Desinformation vorzugehen.

3. Neue technologische Entwicklungen wirken effektsteigernd

A) Deepfakes

Kommt Deepfake-Technologie18 in immersiven Kommunikationsräumen zum Einsatz, können sich negative Effekte und Wirkungen der Technologie verstärken. Ein ohnehin schwer als solches zu erkennendes Deepfake-Video wirkt in einer immersiven Umgebung noch realistischer und intensiver als in zweidimensionalen digitalen Räumen. Darüber hinaus gibt es in der virtuellen Realität bislang keine unabhängigen Überprüfungen und Kontrollen von Authentizität und Identität. Falsche Identitäten sowie Aussagen können uneingeschränkt wirken. Besonders groß ist das schädliche Potenzial der Deepfake-Technologie bei Informationsmanipulation und sogenanntem Mikrotargeting. Politikerinnen und Politiker, Aktivistinnen und Aktivisten, aber auch Werbefiguren können in ihrer Optik, Mimik, Gestik, in ihrem Auftreten und ihren Botschaften an das Verhalten der Zielgruppe angepasst werden, um Sympathien zu erzeugen und deren Wahlverhalten beeinflussen. Die verwendete Software und Hardware für die Nutzung der immersiven Kommunikationsräume setzen auf eine noch extensivere Sammlung von persönlichen Daten (zum Beispiel Augen-, Ohren- oder Fingerscans). Hierdurch stehen mehr Daten und Informationen über die Nutzerinnen und Nutzer zur Verfügung, die das Mikrotargeting verbessern und eine noch größere Individualisierung ermöglichen. Deepfake-Technologie ist für Mimikry-Strategien das wirksamste Instrument. Bereits Anfang der 2000er-Jahre zeigten Studien, dass sich Gesichter von Politikerinnen und Politikern mithilfe von Software bis zu 40 Prozent an die ihrer Betrachterinnen und Betrachter anpassen lassen, ohne dass es diesen auffällt. Die unbewusste Anpassung (Mimikry) verleitete dazu, den Politikerinnen und Politikern aufgrund der Ähnlichkeit zu den Betrachtenden mehr Sympathie entgegenzubringen. Andere Studien mit KI-basierter VR zeigen, dass Studierende einem Professoren-Avatar, der den Nutzenden visuell angepasst war und Augenkontakt hielt, größere Aufmerksamkeit schenkten und mehr Sympathie entgegenbrachten. So ermöglicht der technologische Einsatz den jeweiligen Akteurinnen und Akteuren, sich zeitgleich und zudem individuell an jedes einzelne Mitglied der Veranstaltung anzupassen, während sie sich an ein unbegrenzt großes Publikum richten können, ohne dass das Publikum dies wahrnimmt.

B) KI-Influencer

Menschen („Trolle“) oder Computerprogramme („Bots“) sind ein effektives Mittel zur Verbreitung von Desinformation in digitalen Räumen. Die nächste Entwicklungsstufe sind in diesem Kontext sogenannte „virtuelle Influencer“ oder „virtuelle Meinungsmacher“ (virtual key opinion leaders, V-KOLs). Dabei handelt es sich um fiktive virtuelle Wesen, die mithilfe von künstlicher Intelligenz geschaffen werden und ein realistisch anmutendes, menschliches Äußeres samt dazugehöriger Lebensgeschichte haben. In vielen Ländern, wie China, den USA, Indien, Japan, Südkorea oder Brasilien, sind virtuelle Influencerinnen und Influencer in den vergangenen Jahren überaus erfolgreich und ziehen Millionen Follower an. Auch Meta hat ihnen bereits den Zugang zu und dadurch den Auftritt auf Instagram ermöglicht, was sie für Werbekunden attraktiv macht. In China gab die virtuelle Influencerin „Luo Tianyi“ als Hologramm ein Livekonzert mit dem weltbekannten Pianisten Lang Lang und in Japan bewarb „Imma“ die Eröffnung einer Ikea-Filiale. Diese Persönlichkeiten lassen sich ebenso für politische Kampagnen und die Verbreitung von manipulierten Informationen einsetzen. Sie können jedwede Botschaft verbreiten, haben keine eigene Moral, Meinung, Haltung oder Gefühle und können an jedem Tag 24 Stunden lang tätig sein. Wie Expertinnen und Experten bestätigen, interessieren sich Regierungen und Staaten für den politischen Einsatz KI-basierter, virtueller Wesen. Welche Botschaften sie verbreiten, hängt allein von den Programmiererinnen und Programmierern sowie der Lernumgebung der KI ab. 2021 kam es während einer Messe in Barcelona zu einem Eklat, als der für immersive Welten konzipierte Bot „David“ der Firma Sensorium bei einer Demonstration Corona-Verschwörungstheorien verbreitete, die die KI offensichtlich beim automatisierten Lernen im Internet aufgenommen hatte.

Effektive Maßnahmen gegen die negativen Folgen im Zusammenhang mit dieser neuen Technologie und der gezielten Verbreitung von Desinformation in immersiven Kommunikationsräumen beruhen wiederum auf technologischen Lösungsansätzen und gleichen den Maßnahmen, die im zweidimensionalen Raum gefordert werden. Einerseits kann der Einsatz bestimmter Technologien, zum Beispiel Deepfakes, verboten und unter Strafe gestellt werden. Alternativ bedarf es einer Kennzeichnungspflicht (beispielsweise digitale Wasserzeichen oder Signaturen) und klaren Regeln für den Einsatz solcher Technologien, ganz gleich ob für politische oder für kommerzielle Zwecke. Zudem braucht es Software-Lösungen zur (automatisierten) Erkennung der eingesetzten Deepfake-Technologie.

4. Fazit

Die neuen virtuellen und immersiven Kommunikationsräume stecken hinsichtlich ihrer Entwicklung noch am Anfang und bergen ein großes Potenzial an Chancen und Risiken. Unzureichende Regulierung und Aufsicht aber auch technologische Entwicklungen wie Deepfakes oder KI-Bots machen diese Räume anfällig für eine noch tiefgreifendere Informationsmanipulation und deren Wirken auf das Individuum als es bisher ohnehin schon der Fall ist. Um dieser Gefahr zu begegnen, müssen allen Schwachstellen frühzeitig Lösungsansätze gegenübergestellt werden.

Christopher Nehring; Konrad Adenauer-Stiftung, Berlin; März 2023
Analysen und Argumente, Nr. 499

https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode.de

Zur einfacheren Lesbarkeit wurden die Quellenverweise entfernt.


Risiken & Chancen in Verbindung mit ChatGPT

06/2023 – Fachartikel Swiss Infosec AG

Eine Betrachtung von ChatGPT als KI-Dienst

1. Einführung

ChatGPT existiert nicht erst seit kurzem, sondern bereits seit 2018. Grosse Bekanntheit erlangte der Chatbot-Dienst bei uns aber erst in den vergangenen Monaten und ist seitdem in aller Munde. Eine Betrachtung der Chancen und Risiken im geschäftlichen Umfeld ist vor allem mit Bezug zur Thematik Informationssicherheit und Datenschutz relevant und wichtig. Fragen wie «Was passiert mit den Informationen, die man im Eingabedialog verwendet?» oder «Was sind die Möglichkeiten, die sich für ein Unternehmen mit Hilfe des Bots ergeben?» muss sich eine Unternehmung stellen und sich über die Antworten Gedanken machen.

Die Fragestellung an ChatGPT selbst, ob schützenswerte Informationen bei ihm sicher sind, beantwortet die AI (artificial intelligence) wie folgt:

Die Antwort gibt das «intelligente» Tool sehr treffend wieder und bezieht sich auch gleich auf das grundsätzliche Problem: es gibt keine absolute Sicherheit, was mit den Informationen passiert. Jeder Benutzer ist selbst dafür verantwortlich, welche Daten er in den Bot eingibt.

Die meisten Benutzer verwenden ChatGPT hauptsächlich dazu, Informationen abzufragen. Also, um zum Beispiel danach zu fragen, wie lange der Nil oder wie hoch das höchste Gebäude der Welt ist. Für solche Fragen eignen sich allerdings Suchmaschinen wie Google, Bing oder DuckDuckGo deutlich besser, da man dort beurteilen kann, aus welcher Quelle die Antwort stammt. ChatGPT stellt eine ganz andere Funktion in den Vordergrund, nämlich die der Generierung und der Erstellung von Texten. Die Stärken des Systems liegen darin, dass man aus wenigen Worten flüssige Texte erzeugen, sehr lange Texte kürzen oder eine Zusammenfassung erstellen kann. Der grosse Entwicklungssprung der KI betrifft also nicht die Informationsvermittlung, sondern die Entwicklung von der Grammatiküberprüfung zum Assistenten für die Texterstellung.

2. Risiken und Chancen

Der Einsatz von neuen Technologien kann generell neue Risiken mit sich bringen. Beispiele für mögliche Risiken sind u.a. Voreingenommenheit (Bias), ethische Herausforderungen, unkontrollierbare / nicht erklärbare Ergebnisse (Black Box), fehlende Robustheit gegenüber neuen Daten oder sogar feindliche Angriffe. Es gilt daher, eine Balance zwischen Innovation und Risikobereitschaft für den Einsatz dieser Technologien zu finden. Zur Identifikation, Beurteilung, Vermeidung und Kontrolle solcher Risiken empfiehlt sich ein risikobasierter Ansatz.

Mögliche Risiken beim Einsatz von ChatGPT:

  • Datenschutz und Informationssicherheit: Schützenswerte Informationen (z.B. Personendaten, Betriebsgeheimnisse etc.) können in die falschen Hände geraten. Die eingegebenen schützenswerten Informationen werden von ChatGPT bei Anfragen von anderen Benutzern wiederverwendet und auf diese Weise veröffentlicht.
  • Cyberangriffe: Bei Nutzung von ChatGPT für die Entwicklung von Software kann fehlerhafter Code oder im schlimmsten Fall Schadcode eingeschleust werden. Diesen Schadcode kann ein Angreifer bewusst ausnützen.
  • Urheberrechtsverletzungen: Die erhaltenen Informationen stammen aus unbekannter Quelle, werden ohne Prüfung verwendet und sind möglicherweise urheberrechtlich geschützt.
  • Reputationsrisiko: Die erhaltenen Antworten/Ergebnisse können falsch sein und werden ungeprüft weiterverwendet. Dies kann zu einem Reputationsrisiko für die Unternehmung führen.
  • Nichtwissen: Bei der Verwendung eines Chatbots besteht das Risiko, dass auf gestellte Fragen keine Antworten gefunden werden können.

Jede neue Technologie bietet nebst Risiken auch Chancen:

  • Steigerung der Effizienz der Prozesse: Ein Chatbot kann die Effizienz von Geschäftsprozessen erhöhen, indem er Routineaufgaben automatisiert: zum Beispiel das Prüfen von Software-Quellcode auf sein Optimierungs- oder Verbesserungspotenzial oder das Generieren von Software-Quellcode. Repetitive Aufgaben, wie zum Beispiel das Erstellen von Texten für eine Offerte oder von Artikeln in Sozialen Medien, kann mit Unterstützung von ChatGPT beschleunigt werden.
  • Steigerung der Effizienz des Mitarbeitenden: Ein Chatbot kann dazu beitragen, dass Mitarbeitende sich auf nicht repetitive Aufgaben konzentrieren können und für diese mehr Zeit haben.
  • Kosteneinsparungen: Ein Chatbot kann helfen, Personalkosten zu reduzieren, da er rund um die Uhr verfügbar ist und automatisch viele Anfragen bearbeiten kann, ohne dass Mitarbeitende involviert werden müssen, zum Beispiel bei der Interaktion auf der Webseite der Unternehmung.
  • Besseres Kundenverständnis: Chatbots wie ChatGPT können dazu beitragen, wertvolle Daten über Kunden und deren Anliegen zu sammeln. Diese Daten können genutzt werden, um Einblicke in das Verhalten und die Bedürfnisse dieser Kunden zu gewinnen und die Marketing- und Vertriebsstrategien einer Unternehmung zu verbessern, zum Beispiel bei der Erstellung und Auswertung von Umfragen.
  • Neue Geschäftsfelder: Ein AI-Tool wie ChatGPT kann allenfalls zu neuen Geschäftsideen in einer Unternehmung führen, da neue Sichtweisen auf bekannte Themen entstehen können.

Der verantwortungsvolle Einsatz von AI ist ein interdisziplinäres Forschungsfeld und enthält u.a. Forschungsfragen in technischen, ökonomischen, rechtlichen, sozialwissenschaftlichen und philosophischen Disziplinen. In den letzten Jahren wurden in all diesen Bereichen grosse Fortschritte gemacht (z.B. im Bereich der Erklärbarkeit von Algorithmen, AI Fairness, Verschlüsselung und Kryptographie).

Auch in den nächsten Jahren sind hier grosse Fortschritte zu erwarten. Parallel dazu haben viele Staaten, internationale Standards setzende Organisationen, Unternehmen und Branchenverbände eigene Leitlinien (Principles & Guidelines) für den Einsatz von AI entwickelt. Aktuell laufen vermehrt Initiativen, die solche Leitlinien konkretisieren und operativ anwendbar machen sollen.

3. Technische Betrachtung

Technische Einführung:
Generell gehört ChatGPT zu einem spezialisierten Bereich der künstlichen Intelligenz, der generativen AI[1]. Die Technologie hat sich im Laufe der Zeit verbessert, aber wir erleben heute eine Beschleunigung aufgrund der stark erhöhten verfügbaren Rechenleistung. Die Geschichte der künstlichen Intelligenz geht zurück auf die 1950er Jahre mit der wegweisenden Veröffentlichung einer Publikation von Alan M. Turing. Das Gebiet des maschinellen Lernens wird mit der Niederlage des Schachgrossmeisters Gary Kasparov gegen IBMs Deep Blue in Verbindung gebracht. Dann im Jahr 2016 hat AlphaGo, ein Deep Learning Algorithmus für das Spiel Go, in vier von fünf Spielen gegen den professionellen südkoreanischen Go-Spieler Lee Sedol gewonnen. Sowohl Deep Blue als auch AlphaGo sind «bloss» Spiel-Algorithmen, trotzdem haben diese gezeigt, dass sie komplexe Aufgaben mindestens genauso gut, meist aber besser als Menschen, ausführen können.

ChatGPT ist ein Service der Firma OpenAI. Diese bietet neben der grundlegenden webbasierten Benutzeroberfläche, die ein Frage- und Antwort-Format verwendet, auch Whisper an, ein auf neuronalem Netz basierendes Spracherkennungssystem. OpenAI bietet auch Anwendungsprogrammierschnittstellen (APIs) an, die es Organisationen ermöglichen, ChatGPT und Whisper nahtlos in verschiedene Anwendungen, Websites, Produkte und Dienstleistungen sowie Sprachschnittstellen zu integrieren. Microsoft zum Beispiel hat in ihrem Suchdienst «Bing» ChatGPT bereits standardmässig eingebaut und stellt dem Benutzer so laufend die neuste Version direkt zur Verfügung.

Sprachmodelle[2] können über verschiedene Optionen wie Chatbot-Schnittstellen, APIs und cloudbasierte Dienste abgerufen werden. Jede Option richtet sich an verschiedene Endbenutzer und zielt auf einzelne Benutzer oder Unternehmenskunden ab. Einige Lösungen bieten aktualisierte Versionen für Einzelpersonen an, während andere für den Geschäftsbetrieb konzipiert sind und aufgrund von Partnerschaften auf bestimmten Cloud-Plattformen verfügbar sein können. Für Unternehmenskunden bieten bestimmte cloudbasierte Dienste sicheren, isolierten Zugriff auf Sprachmodelle über REST-APIs, Software Development Kits (SDKs) oder webbasierte Schnittstellen. Diese Dienste können mit anderen Cloud-Angeboten integriert werden und unterstützen Funktionen wie Virtual Private Networks und verwaltete Identitäten über Verzeichnisdienste.

Während die Technologie weiter voranschreitet, breiten sich die Integrationen von OpenAI und ChatGPT in bemerkenswertem Tempo aus. Viele Anwendungen, Plattformen und Tools nutzen die Leistungsfähigkeit dieser AI-Modelle, um ihre Funktionen und Fähigkeiten zu verbessern. Diese Verbreitung wird auch in der nahen Zukunft stark wachsen und der AI zu einer noch schnelleren Entwicklung verhelfen.

Wo kann ChatGPT bei der Verhinderung von Cyberangriffen helfen?[3]
Nachfolgend ein paar Beispiele, wo ChatGPT und die generative AI gegen Angriffe helfen kann und so die Informationssicherheit unterstützt:

  • ChatGPT kann bei der Erklärung von System-Verwundbarkeiten unterstützen und entsprechend Referenzen auf «best practices» zur Minderung oder Behebung dieser Schwachstellen geben.
  • ChatGPT kann helfen, Programmiercode, den Entwickler aus dem Internet beziehen (bspw. für oft genutzte Funktionen), auf mögliche Schwachstellen zu analysieren.
  • ChatGPT kann helfen, Programmiercode in «normaler» Sprache zu erläutern und zu kommentieren, damit weniger technische Mitarbeiter deren Funktionsweise besser verstehen können.
  • ChatGPT kann helfen, Security Patches und ChangeLogs zusammenzufassen und die wichtigsten Sicherheitshinweise, die darin enthalten sind, aufzuzeigen.
  • ChatGPT kann helfen, Konfigurationsfiles und Scripts zu analysieren und Erklärungen zu liefern, was diese genau bewirken.

4. Empfehlungen

Ein Unternehmen muss sich mit der Thematik ChatGPT, und wie mit einer solchen Technologie umzugehen ist, auseinandersetzen und dies an seine Mitarbeitenden kommunizieren. Wird das Thema nämlich ignoriert, werden Mitarbeitende diese Möglichkeit der einfachen Texterstellung trotzdem benutzen. Diese unerlaubte Nutzung passiert dann allenfalls ohne Rücksicht auf den Inhalt, der bekannt gegeben wird. Die Unternehmung muss also eine klare Regelung vorgeben, wie mit ChatGPT umzugehen ist.

Eine mögliche Regelung kann sein, die Benutzung zu verbieten und dies zusätzlich auch technisch zu verhindern. Ein Verbot hat allerdings oft eine schlechte Wirkung, so werden solche Dienste dann meistens auf dem privaten Smartphone oder Computer verwendet und das Verbot zumindest technisch umgangen.

Die deutlich bessere Variante ist es, die Benutzung für die Mitarbeitenden freizugeben, dies allerdings nur mit ganz klaren Regeln, was erlaubt und was verboten ist. Auch in diesem Fall ist es aber unerlässlich, die Mitarbeitenden zu sensibilisieren und zu schulen. Was hat Platz im Umgang mit ChatGPT und was ist klar zu unterlassen. Die Awareness im Umgang mit Informationen, ob vertraulich oder nicht, ist ein altes Thema, welches mit ChatGPT und allen «intelligenten» Clouddiensten einen neuen Bezug erhält. Nachfolgend einige Checkpunkte, die in einer Benutzerweisung adressiert werden sollten:

  • Es dürfen keine vertraulichen, persönlichen oder geschäftlichen Informationen im Umgang mit ChatGPT verwendet werden. Es wird die Verwendung von anonymisierten Informationen empfohlen bspw. mittels Platzhalter «Mitarbeiter XYZ», auch darf nicht aufgrund des Inhaltes auf eine Person geschlossen werden können, bspw. bei der Redaktion eines Arbeitszeugnisses.
  • Dem «System» ChatGPT darf nicht vertraut werden.
  • Die von ChatGPT zurückgelieferten Ergebnisse sind immer zu verifizieren.
  • Der Dienst darf nur über IKT-Mittel des Unternehmens genutzt werden.
  • ChatGPT darf nur in den vom Unternehmen definierten Bereichen, Organisationseinheiten oder Themen verwendet werden.
  • Bei der Nutzung von ChatGPT zur Erhöhung der Effizienz (bspw. Softwareentwicklung), sind die Ergebnisse durch eine Drittperson zu verifizieren (bspw. im Rahmen eins Codereviews).

Ein Unternehmen muss sich der Funktionsweise und der Grenzen des Einsatzes von ChatGPT bewusst werden. Dazu gehören auch weitere Punkte:

  • Die Mitarbeitenden sind über die Risiken bei der Nutzung von ChatGPT zu sensibilisieren.
  • Bei Zusammenarbeit mit Lieferanten oder Dienstleistern ist zu klären, ob diese ChatGPT nutzen. Falls eine Nutzung vorgesehen ist, gilt es sorgfältig abzuwägen, ob die eigenen Daten in einer solchen Nutzung ebenfalls verwendet werden und falls ja, so muss vertraglich geregelt werden, in welchem Umfang welche Daten verarbeitet werden dürfen.

Wie für jede neue Technologie ist auch für ChatGPT oder AI eine Abwägung der Chancen und Risiken durchzuführen und dann der gewünschte Einsatz im Unternehmen zu definieren.

[1] Generative AI beziehungsweise generative künstliche Intelligenz ist ein Dachbegriff für jede Art von automatisiertem Prozess, bei dem Algorithmen eingesetzt werden, um Daten zu erzeugen, zu bearbeiten oder zu synthetisieren.

[2] Als Sprachmodelle werden die verschiedenen Generationen von ChatGPT bezeichnet

[3] https://cloudsecurityalliance.org/artifacts/security-implications-of-chatgpt/

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