Überwachen und konsumieren - Teil 1

Überwachen und konsumieren - Kontrolle, Normen und soziale Beziehungen in der digitalen Gesellschaft - Teil 1

07/2021

 

Das Problem: Überwachung in der digitalen Welt

Google’s tools are not the objects of a value exchange. They do not establish constructive producer-consumer reciprocities. Instead they are the »hooks« that lure users into extractive operations and turn ordinary life into the daily renewal of a 21st-century Faustian pact. This social dependency is at the heart of the surveillance project. (Zuboff 2015)

People are very uncomfortable with surveillance, but they don’t know what to do. (Turow 2018)

Google, Facebook, Amazon, Apple – diese Unternehmen mit ihren Serviceangeboten, Produkten und Welten beherrschen die gegenwärtige digitale Welt. Nicht sie allein, aber speziell diese sind zum Synonym für die Veränderungen geworden, die unter der Rubrik »digitales Zeitalter« versammelt werden. Sie nehmen Einfluss auf immer mehr Bereiche und Aspekte des individuellen und gesellschaftlichen Lebens. Dabei kommt den Möglichkeiten der Überwachung durch die Unternehmen selbst, aber auch durch ihre Angebote und deren Vermittlung eine zentrale Bedeutung zu. Vordergründig scheint es dabei vor allem um eine Überwachung von Aktivitäten und Gewohnheiten zu gehen, die über den Konsum ihrer Produkte und Serviceangebote möglich wird. Die massenhafte Auswertung der Daten, die als Spuren auf ganz unterschiedliche Weise im Internet hinterlassen werden, ist der Schlüssel zum Wissen der Unternehmen über uns, zur Anpassung ihrer Angebote und letztlich auch, so wird befürchtet, zur Steuerung der Menschen selbst. Andere Arten der Überwachung, z.B. durch den Staat oder durch Betriebe am Arbeitsplatz, scheinen davon ausgenommen zu sein. Und so richtig eine solche Unterscheidung für die Betrachtung einzelner Überwachungspraxen ist, so wenig hilft sie weiter zu erklären, worin das Besondere von Überwachung im digitalen Zeitalter liegt. Nicht zuletzt sollte das Beispiel des chinesischen Modellversuches eines Social-Credit-Systems seit 2014 die Aufmerksamkeit dafür geschärft haben, dass eine strikte Trennung verschiedener Bereiche weder notwendig noch analytisch immer sinnvoll ist, um bestimmte Fragen hinsichtlich von Überwachung zu beantworten. Konsum, Repression, soziale Kontrolle, Arbeit, Lebensqualität und Verbrechensbekämpfung können auch mit gleichen Mitteln und Technologien von denselben Institutionen überwacht und entsprechend geregelt werden.

Aber was bedeutet es zunächst einmal in einem digitalen Zeitalter, in einer digitalen Welt zu leben? Grundsätzlich geht es zunächst darum, wie die Welt wahrgenommen wird. So sind vor allem ihre Vermittlung, die Formen wie wir sie erfahren und uns darin mit anderen Menschen austauschen, digitalisiert. Die beiden obigen Zitate beziehen sich auf die Qualitäten solch einer digitalen Welt und den darin bestehenden Möglichkeiten, mit denen sich Menschen gegenwärtig auseinandersetzen müssen. Auch wenn selbstverständlich immer noch analoge Wege und Formen der Vermittlung und Wahrnehmung existieren, so sind viele Aspekte des alltäglichen Lebens digital vermittelt, gesteuert oder haben in der einen oder anderen Weise damit zu tun. Das gilt insbesondere für die Kommunikation und damit die sozialen Beziehungen, aber auch die Bereiche Arbeit, Verkehr oder Organisation von Gesellschaft als solche. Letztere wird zunehmend digitalisiert und folgt damit anderen Regeln und Logiken, als dass es ohne diese Technologien der Fall wäre. Auch wenn eine Digitalisierung nicht notwendigerweise die Ausweitung von Überwachung und Kontrolle bedeutet und letztere bereits auch davor zentrale Aspekte von Politik und Gesellschaft waren, treten sie nun aber in neuen Formen auf und betreffen vor allem wesentlich mehr Bereiche des alltäglichen Lebens und menschlicher Lebenswelten ganz allgemein.

Chinas System der totalen Erfassung gesellschaftlichen Lebens – wenn auch zunächst »nur« als Modellversuch – mit dem Ziel von dessen Verbesserung, hat die Debatte über die Folgen der digitalen Technisierung von Welt, Alltag und Gesellschaft ein weiteres Mal angeheizt. Im Zentrum des chinesischen Systems steht ein sogenannter social score, mit dem alle Handlungen eines Individuums bewertet und in einer Kennzahl zusammengefasst werden. Die Regierung sowie die großen Techkonzerne dort sind die Treiber hinter dem System der Überwachung, welches vor allem in den liberalen Demokratien des Westens erhebliche Bedenken und Ängste auslöst. Dass sich die grundlegende Logik dahinter nicht nur auf China beschränkt, zeigt auch das obige Zitat von Shoshana Zuboff, wenn sie von den sozialen Abhängigkeiten spricht, in die sie die Konsument:innen im Verhältnis zu den Techkonzernen abgleiten sieht. Joseph Turow verdeutlicht das Dilemma, in dem viele Menschen stecken, wenn sie sich den digitalen Welten gegenübersehen, welche sie nutzen, deren Überwachungspotenzial sie möglicherweise kennen, sich darin aber weder wohlfühlen noch sich zu helfen wissen, wie sie diese umgehen können. Die grundlegenden Probleme einer datenhungrigen Welt, deren Logik und Anforderungen sich nahezu niemand wirklich vollständig entziehen kann, sind folgende:

Allgegenwärtigkeit von Datensammlungen: Daten, insbesondere als maschinell verarbeitete Informationen über die eigene Person, kommt eine zentrale Rolle im gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Leben eines Menschen zu.

Es existiert bei den meisten Menschen eine scheinbar unreflektierte Bereitschaft diese Informationen bereitzustellen, zu teilen oder anzugeben – oder wissen sich nicht zu helfen, wie Turow feststellt. Der Widerstand gegen diese Politik der Daten- und Informationssammlung ist gering, wenn auch in besonderen akademischen Zirkeln laut und ausgeprägt – in der Breite der Bevölkerung zeigt sich jedoch eher ein anderes Bild.

Das heißt nicht, dass die Problematik nicht bewusst wahrgenommen wird, aber eine breite Gegenwehr ist trotz der oft skizzierten, gefährlichen Folgen so nicht feststellbar. Ja, mehr noch – viele Angebote werden geradezu bereitwillig angenommen, nachgefragt und werden so ein mit dem Leben und Alltag der Menschen fest verbundener Teil. Nahezu gleichgültig ob es sich dabei um die erwähnten Datensammlungen handelt oder um algorithmische Verfahren, mit denen diese ausgewertet werden – ob konkrete Anwendungsbereiche wie die polizeiliche Fahndung mit dem so genannten predictive policing, Konsum, autonomes Fahren oder Künstliche Intelligenz – die Frage, mit der in populären Medien, Politik und zum Teil auch in der Wissenschaft an diese Phänomene herangegangen wird, lautet: Was macht das mit einer Gesellschaft und den Menschen?

Diese Frage ist allerdings zum einen unzureichend, um das Verhältnis von Technologie und Gesellschaft zu erklären. Zum anderen lässt sich über diese Frage fast nichts zum Aspekt der Überwachung sagen. Die auch bei Zuboff eher einseitige Betrachtung der Entwicklung von Seiten der Unternehmen her, der sie einer neuen Variante des Kapitalismus zuschreibt, ist wichtig, aber eben nicht ausreichend. Nicht ausreichend in dem Sinne, weil das Verhältnis von Gesellschaft und Technologie eben nicht bloß das eines Werkzeuges ist, sondern dieses Verhältnis auch eine andere Dynamik entfaltet und somit andere Perspektiven einfordert. Schließlich kann mit dieser eher deterministischen Sichtweise wenig über die Art und Weise von Überwachung und Kontrolle sowie den Bedingungen des Digitalen gesagt werden, ganz gleich ob es sich um staatliche, eher repressive oder um die Überwachung der Unternehmen handelt, die eine wirtschaftliche Abhängigkeit etablieren wollen. Den beiden, so behaupte ich, geht es um eine Kontrolle der Zukunft, wenn auch mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Zuboff spricht davon, dass nicht nur die Informationsflüsse über uns automatisiert werden sollen, sondern auch wir selbst. Das ist eine sehr dystopische Sicht auf den von ihr skizzierten und kritisierten Überwachungskapitalismus, insbesondere wenn sie darin vor allem das Ziel erkennt, dass alle Möglichkeiten der Selbstbestimmung eliminiert werden sollen.

Es kann dennoch nicht vornehmlich um die Frage gehen, was bestimmte Technologien oder technologische Entwicklungen in einer Gesellschaft machen und wie sich darin anschließend Gesellschaft entwickelt – auch wenn die Beobachtung von Zuboff auf ein elementares Problem hinweist, welches für dieses Essay wichtig ist. Eine Analyse solcher Effekte ist wichtig, ohne Frage, aber begrenzt in ihrer Aussagekraft; denn dabei werden die interaktiven Dynamiken zwischen Technologien, Gesellschaft und individuellen Bedürfnissen nicht ausreichend gewürdigt. Technologie erscheint als totalisierender Zweck, nicht als Objekt von Diskursen und als gesellschaftlicher Bedeutungsträger, über welche soziale Beziehungen und gesellschaftliche Narrative vermittelt werden. Es bedarf daher neuer oder modifizierter Modelle von Gesellschaft, in denen Überwachung im Zuge digitaler Technologien ein zentrales Element darstellt. Es muss auch darum gehen, welche gesellschaftlichen Bedürfnisse die Technologie möglicherweise befriedigt, wie »Gelegenheiten der Kommunikation« (Baecker 2019) angenommen und weiterverarbeitet werden und inwiefern Technologie und Alltag miteinander verwoben sind. Nur dann könnte auch beantwortet werden, wie es möglich wäre, das Verhalten von Menschen zu automatisieren, so Zuboff. In seinem Buch »Muster« (2019), in dem der Soziologe Armin Nassehi die Ursprünge des Digitalen erkundet, fragt er zurecht, für welche Probleme das Digitale die Lösung gewesen sei, damit es entsprechend entstehen und sich dann noch auch zu dem entwickeln konnte, wie es heute wahrnehmbar ist. Auch diese Frage ist wichtig, vor allem da Muster in jeder Form für Kontrolle und Überwachung zentral sind. Ich möchte aber zunächst einen anderen Aspekt in den Mittelpunkt stellen, der grundlegend für meine Analyse sein soll und die Dynamik von Technik und Gesellschaft betrifft.

Ein wichtiges Kennzeichen eines wie auch immer ausgestalteten digitalen Zeitalters ist der Umstand, dass die Technologie den Menschen neue Möglichkeiten gibt, sich selbst neu zu verorten, ihre Identität selbst zu erschaffen, soziale Beziehungen anders zu knüpfen und dabei neue Formen eines Distinktionsgewinns (vgl. Bourdieu 1987) zu kreieren als auch zu nutzen. Das etwas düstere Bild eines Überwachungsstaates à la Orwell scheint da weder ausreichend noch zeitgemäß, um gegenwärtige gesellschaftliche Dynamiken zu beschreiben. Hier soll keine Technoapologie und kein blinder Technikutopismus propagiert, sondern zunächst die Möglichkeiten für andere Perspektiven auf das Thema eröffnet werden. Will man also verstehen, warum die Digitalisierung im Alltag einen solchen Erfolg hat, dann muss man sich eines ihrer Versprechen genauer ansehen; nämlich das der Lebenserleichterung, des Imperativs des Praktischen und Automatischen. Oder anders ausgedrückt: Die Digitalisierung erlaubt eine Delegation von Aufgaben an Technologie, die erscheint, als würde man Domestiken und Dienerschaften befehligen – Institutionen, die einer längst vergangenen Zeit anzugehören scheinen. Jeder kann sich nun (digitale) Diener:innen leisten, die von der Ferne all die Aufgaben übernehmen, die man sonst selbst übernehmen müsste.

Die Art der digitalen Refeudalisierung von Gesellschaft ist enorm attraktiv, insbesondere unter den Bedingungen eines Konsumkapitalismus (vgl. Bauman 2009), in dem das eigene Ich zu einer Marke sowie die Identität über den Konsum von Gütern, Dienstleistungen, Lebenseinstellungen, Haltungen usw. gebildet und dargestellt wird. Das ist nicht kulturpessimistisch zu verstehen, sondern der Versuch einer Beschreibung, welche Rolle diese Art kapitalistischer Wertschöpfung in der Gesellschaft spielt; nämlich die der Identitätsstiftung. Zuboff (2015) spricht an anderer Stelle davon, dass Angebote von Google gewissermaßen die Verlockungen sind, mit denen die Menschen geködert werden, um sie im Anschluss sozial abhängig zu machen. Was jedoch die Attraktivität der Verlockungen ausmacht, darüber erfährt man allerdings weniger. Überwachung, so meine These für das folgende Essay, ist Teil einer solch konsumistischen Identitätsfindung, weshalb ich auch vom Konsum der Überwachung sprechen möchte, mit dem der Zusammenhang von Verlockung und der scheinbar unreflektierten Annahme vieler Angebote erklärt werden kann.

Was also Google mit dem chinesischen social score, die ideale Stadt mit den Algorithmen des Big Data, der Wunsch nach Domestiken mit dem Internet zu tun hat und wie darin die Zukunft von Gesellschaft aussehen kann, möchte ich hier erörtern und im Hinblick auf mögliche Alternativen, Widersprüche und Zielkonflikte diskutieren. Um die Bedeutung von digitaler Technologie im Alltag deutlich zu machen und gewissermaßen ein Ausgangsmodell für meine Argumentation zu haben, bedarf es zunächst eines kleinen historischen Ausflugs.

 

Nils Zurawski; 2021

https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-5606-0/ueberwachen-und-konsumieren/

https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de

Zur einfacheren Lesbarkeit wurden die Quellenverweise entfernt.

 

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